Die Zeit verfliegt, das Publikum bleibt treu: Wolf Maahn gastiert solo im Schlachthof

Das Fieber ist zurück

„Es geht ja total ab hier“: Wolf Maahn genoss den Zuspruch. Er lobte sein Publikum, und das bedankte sich mit fleißigem Mitsingen. Foto: Fischer

Kassel. Wolf Maahn müsse kleinere Brötchen backen, erklärt am Dienstagabend vor Konzertbeginn ein Mann seiner Begleiterin. Große Hallen fülle er nicht mehr, eine Begleitband wie seine „Deserteure“ sei zu teuer, deshalb also Solo-Auftritte wie im ausverkauften Kasseler Schlachthof.

Das Leben ist nicht fair. Während Wolfgang Niedecken als einzig Verbliebener der Originalbesetzung den Mythos BAP okkupiert hat und am Leben hält, Herbert Grönemeyer vor dem Ruhm zeitweilig gar nach London flüchten musste, Udo Lindenberg die eigene, musicaltaugliche Legende pflegt und Marius Müller-Westernhagen sowieso in anderen Sphären schwebt, spielt Maahn - in den 80ern ebenfalls eine große Nummer - also solo im Schlachthof. „Schön kuschelig“, wie er fand.

Und wer sagt eigentlich, dass kleinere Brötchen schlechter schmecken?

Starallüren schenkt sich der 56-Jährige. Während der Zugabe-Rufe bleibt er auf der Bühne: „Was soll ich erst in den vierten Stock rennen?“ Der Vorteil eines solchen Abends mit treuem, textsicherem Publikum, darunter viele ältere Semester: „Ich mag die direkte Kommunikation.“ Auf die die Grönemeyers dieser Welt verzichten müssen.

Maahn teilt also die Besucher in zwei Chöre, plaudert nebenbei über „einen Liveclub irgendwo in Kassel-Zierenberg, vor ungefähr 17 Jahren“, über die Qualität von Mundharmonikas und die unvorstellbaren Summen, die an den Finanzmärkten bewegt werden. Auf sechs Teleprompter ringsum, wie er über Kollegen spottet, kann er verzichten.

„Das kann sich echt sehen lassen, was ihr hier abliefert“, lobt er am Ende, „wunderschön.“ Es kann sich auch hören lassen, was Maahn abliefert. Es ist - die Mütze verbirgt beharrlich die Locken, aber das Unterhemd offenbart einen durchtrainierten Oberkörper - ehrliche Arbeit. Wie beim Bäckermeister, der mitten in der Nacht am heißen Ofen steht. Maahn traktiert die Gitarren, dehnt die Silben, er singt vom „Kaaarussell, das dreeht sich schnell“, heult ein „yeah yeah yeah“ oder stößt ein „uugh“ dazu aus. Es sind Lieder vom Sich-Festhalten und -Verlieren, vom Stolpern und Sich-Auffangen. Über die Sucht der Träumer und Zigeuner, der Spinner und der Streuner.

Maahn kündigt anfangs augenzwinkernd „die besten Hits der 80er, 90er“ an, „Ihr wisst schon“, und löst das Versprechen ein. Er spielt und singt alle seine großen alten Hits, „Blinder Passagier“, „Der Clown hat den Blues“, „Irgendwo in Deutschland“ und ein tolles „Ich wart’ auf dich“.

„Plötzlich gerätst du in Panik, die Zeit verfliegt“, heißt eine Zeile. Ja, wo sind die fast 30 Jahre bloß geblieben? Die „Saure-Regen-Zeit“, die er in „Rosen im Asphalt“ besang. Jetzt werden „die Priester vom schnellen Geld“ gegeißelt.

„Fieber“ ist sein letzter Titel, den er in ein kurzes, von den Besuchern heftig gefordertes „Direkt ins Blut“ überleitet. „Gib mir das Fieber zurück“? Das Fieber ist immer noch da.

Von Mark-Christian von Busse

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