In "Figaros Hochzeit" ist alles nur Spiel

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Mutige Akteurinnen im großen Verwirrspiel: Lin Lin Fan (links) als Susanna und Celine Byrne als Gräfin Almaviva.

Kassel. Tobias Theorell inszeniert, Patrik Ringborg dirigiert zum Saisonauftakt Mozarts Oper „Le nozze di Figaro".

Beim neuen Kasseler „Figaro“ erfährt man recht schnell, worum es geht. Während der spritzigen, sehr rasch gespielten Ouvertüre irren hinter einem Gazevorhang halb nackte Menschen umher und signalisieren: Hier beginnt ein erotisches Verwirrspiel. Tatsächlich ist Mozarts „Le nozze di Figaro“ (Figaros Hochzeit) genau das - allerdings nicht nur.

Was der schwedische Regisseur Tobias Theorell, der Mozarts Kult-Oper zum Kasseler Spielzeitauftakt auf die Bühne bringt, mit diesem Vorspiel ankündigt, setzt er auch um. Wenn sich der Vorhang zum verliesartigen Zimmer (Bühne und Kostüme: Herbert Murauer) öffnet, wo Figaro und Susanna sich nach ihrer Hochzeit einrichten werden, beginnt eine turbulente, mitunter slapstickartige Geschichte, ein Mix aus erotischen Avancen, Intrigen und Versteckspiel, aus dem keine der handelnden Personen unbeschädigt herauskommt.

Man versteckt sich, notfalls auch getarnt als Stehlampe mit einem Lampenschirm über dem Kopf, man verkleidet sich, tauscht heimlich Briefchen aus, vor allem aber befummelt man einander bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Als Komödie funktioniert Theorells Inszenierung gut, an witzigen Einfällen mangelt es nicht, etwa wenn plötzlich am Rand der Szene drei hochschwangere junge Damen das ausschweifende Leben des Grafen Almaviva ahnen lassen.

Doch die Fallhöhe der Geschichte und die Dramatik von Mozarts in ihrer Vielschichtigkeit unvergleichlicher Musik ergeben sich aus den gesellschaftlichen Machtverhältnissen - zwischen Herrscher und Untergebenen, zwischen Mann und Frau. Das Spiel ist Ernst, und was es für die Zofe Susanna bedeutet, sich dem Begehren des Grafen zu widersetzen, vermittelt zwar die Musik, kaum aber die Inszenierung, bei der von der Autorität des Grafen nurmehr die Drohung mit einer Kettensäge übrig bleibt.

So sind es großartige Sängerdarsteller und das unter Generalmusikdirektor Patrik Ringborg äußerst plastisch aufspielende Orchester, die für Tiefenschärfe sorgen. Wenn Celine Byrne als betrogene Gräfin zu Beginn des zweiten Akts über Liebe und Tod sinniert, dann vereint sie in ihrer perfekt geführten und wunderbar leuchtkräftigen Stimme Trauer, Resignation und Hoffnung auf anrührende Weise. Ihr Gesang ist es mit dem Hansung Yoos als Graf Almaviva, die das emotionale Zentrum dieses Kasseler „Figaro“ ausmachen. Zusammen mit Lin Lin Fan, die virtuos und quirlig die heftigen Gefühlsregungen Susannas ausspielt - die dramatische Szene dieser drei nach der heiklen Flucht des Pagen Cherubino ist ein Höhepunkt des Abends. Den nun in seinem Selbstverständnis erschütterten Grafen charakterisiert Hansung Yoo im folgenden Akt stimmlich brillant - seinen trotzigen Ausbruch kann man als Vorgriff auf Mozarts folgenden „Don Giovanni“ hören.

Den gestressten, zwischen allen Fronten stehenden Figaro gibt Marc-Olivier Oetterli mit komödiantischem Charme, lässt aber weder darstellerisch noch gesanglich tiefe Einblicke in die Figur zu. Stimmlich ansprechend verkörpert Marta Hermann den Cherubino, der in dieser Inszenierung aber ein schwer zu durchschauender Charakter bleibt. In einem sich ansonsten souverän präsentierenden Ensemble samt Chören fiel Natalia Perellós stimmlich brillante Barbarina auf.

Am Ende lässt Theorell die Szenerie surrealistisch entgleisen: Pflanzen wachsen von der Decke nach unten, Menschen bekommen Tierköpfe beim nächtlichen Stelldichein im Garten. Das große gegenseitige Verzeihen, nachdem alle Masken gefallen sind, es bleibt wohl ein Traum. Viel Beifall im ausverkauften Opernhaus.

Weitere Vorstellungen am 1., 6. und 12. Oktober. Beginn ist jeweils bereits um 19 Uhr. Karten: Tel. 0561 / 1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Das Ensemble

Graf Almaviva: Hansung Yoo

Gräfin Almaviva: Celine Byrne

Figaro: Marc-Olivier Oetterli

Susanna: Lin Lin Fan

Cherubino: Marta Herman

Marcellina: Inna Kalinina

Bartolo: Yorck Felix Speer

Basilio: Johannes An

Don Curzio: Johannes An

Antonio: Dieter Hönig

Barbarina: Natalia Perelló

Blumenmädchen: Alexandra Aykeva, Leonie Helferich

Staatsorchester, Opernchor und Cantamus-Jugendchor

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