Grundsatzprobleme werden sichtbar

Filmstoffe müssen bunter werden: Eine Analyse zu den Oscar-Protesten

Nominiert als bester Hauptdarsteller: Bryan Cranston („Trumbo“, von links), Matt Damon („Der Marsianer“), Leonardo DiCaprio („The Revenant“), Michael Fassbender („Steve Jobs“) und Eddie Redmayne („The Danish Girl“). Fotos: afp

Die Proteste mehren sich, seit die amerikanische Filmakademie ihre Nominierungen für die Oscars bekannt gegeben hat. Unter den zehn Hauptdarstellern sind keine Schwarzen.

Unter dem Stichwort#OscarsSoWhite schimpft das Netz, die Academy-Präsidentin kündigt Reformen an, Prominente wie Spike Lee und Will Smith haben ihre Teilnahme an der Oscar-Gala abgesagt. Was ist an der Empörung dran?

Es hätte Alternativen gegeben: In diesem Film-Jahrgang waren schwarze Darsteller in großen Rollen zu sehen. Etwa Michael B. Jordan, der den jungen Boxer Adonis im Rocky-Film „Creed“ spielt, die Hauptdarsteller aus dem HipHop-Film „Straight Outta Compton“, oder Will Smith, der in „Erschütternde Wahrheit“ einen Pathologen mimt. Dass sie nicht nominiert wurden, liegt nun nicht automatisch an rassistischen Vorurteilen. Vielleicht haben die Juroren die Konkurrenz schlicht stärker bewertet. Dass Smith als Übergangener zu den Gala-Boykotteuren gehört, ist nun nicht gerade völlig uneitel.

Mehr als ein Luxusproblem: Angesichts dessen kann man fragen, was es die Welt schert, wenn ein paar Superreiche – die Teil der Unterhaltungsindustrie sind und nicht gerade lebensrettende Impfstoffe entwickeln – einem schicken Event fernbleiben. Die Menschheit hat wahrlich dringendere Sorgen. Da aber alle Filme, die auf den Markt gebracht werden, auch ein Abbild unserer Realität sind und das Weltbild von Millionen Zuschauern prägen, müssen wir uns zu Recht fragen, ob wir mit so einem verzerrt-weißen Blick einverstanden sind.

Die Strukturen müssen geändert werden: Wichtig ist also, dass die Filmvielfalt noch deutlich bunter wird. Gerade die mächtigen Studios täten gut daran, ihre Stoffe noch mehr zu diversifizieren. Verschiedenste Helden, Themen, Problemstellungen. Auch im Mainstream, nicht nur im Nischenkino. Das führt automatisch zu einer veränderten Preisvergabe.

Nominiert als beste Hauptdarstellerin: Cate Blanchett („Carol“, von links), Jennifer Lawrence („Joy“), Brie Larson („Raum“), Charlotte Rampling („45 Years“) und Saoirse Ronan („Brooklyn“).

Die Academy muss reformiert werden: Derzeit sind nach Recherchen der Tageszeitung „L. A. Times“ 94 Prozent der 6261 Mitglieder der US-Filmakademie weiß, 77 Prozent männlich, Durchschnittsalter: 62. Mitglied können Personen aus der Filmwirtschaft werden, etwa Produzenten oder Schauspieler. Künftig sollen doppelt so viele Frauen und Mitglieder ethnischer Minderheiten dazugehören. Zudem sollen Mitgliedschaften auf zehn Jahre befristet werden, um zu gewährleisten, dass die Juroren tatsächlich in der Branche aktiv sind. Das sind überfällige Schritte.

Preis-Quotierungen sind hier problematisch: Wer einen Preis vergeben will, und dabei Proporz in Kategorien wie Rasse, Gender, sexuelle Orientierung oder gar Religion walten ließe, würde riskieren, den Preis zu entwerten. Im Wirtschaftsleben macht es Sinn, einen Frauenanteil per Quote festzuschreiben, bei künstlerischen Erzeugnissen nicht.

Aufziehen einer Moraldiktatur: Letztlich könnte das zur Moraldiktatur solcher Lobbygruppen führen, die am lautesten tönen. Dann wäre freies künstlerisches Schaffen kaum mehr möglich. Erste Signale: Uni-Professoren klagen über das Diktat des Wörtchens „Offended“. Unter dem Schlagwort, das bedeutet, sich angegriffen zu fühlen, verändert sich derzeit der Alltag in den USA. Immer häufiger wird unbequemen, neuen Gedanken, der – auch wissenschaftlichen – Beschäftigung mit emotional fordernden oder nicht politisch korrekten Themen das Stoppschild gezeigt: Man fühle sich angegriffen. So wollen sich Studierende nicht mehr mit Vergewaltigungen beschäftigen – auch nicht im Shakespeare-Drama. Wattebäuschchen statt Debatte. Keine guten Zeiten für Wissenschaft und Kunst.

Lesen Sie auch:

- Oscar-Streit: Academy will mehr Minderheiten

- "Weiße Oscars": Auch Will Smith boykottiert die Verleihung

- Jada Pinkett-Smith und Spike Lee boykottieren Oscar-Gala

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.