Die Finanzkrise erreicht das Theater

Finanzkrise erreicht das Theater: „Das Himbeerreich“ am Kasseler tif

Bei ihnen geht es nun wirklich nicht um Peanuts: Die Banker Walter von Hirschstein (Uwe Steinbruch, links) und Bertram Ansberger (Franz Josef Strohmeier) beim Geldzählen. Foto: Jung

Kassel. Am Abend, an dem die Bundeskanzlerin triumphiert, hat die Merkel-Raute auch am Kasseler Staatstheater ihren großen Auftritt. In Andres Veiels Stück „Das Himbeerreich“ spreizt Eva-Maria Keller als Bankerin Brigitte Manzinger ihre Finger vor dem Bauch wie die CDU-Politikerin und erklärt so das Finanzsystem.

„Es geht steil und stetig aufwärts.“ Die Geste der gelernten Physikerin Merkel wird als Kippschaltung zum Prinzip der Großbanken ernannt. Wie meist Merkel lässt einen auch die Inszenierung von Sebastian Kreyer etwas ratlos zurück - trotz überzeugender Darsteller und freundlichem Schlussapplaus. 25 ehemalige Bank-Vorstandsmitglieder hat der Dokumentarfilmer Veiel interviewt und daraus sechs Figuren destilliert. Als Film hätte das vielleicht erhellend sein können. Aber im Theater vermisst man Dialoge, weil meist nur monologisiert wird, sowie Handlung, weil 90 Minuten lang fast nichts passiert.

Fünf Banker und ein Chauffeur stehen auf der von Matthias Nebel erdachten Bühne, der vor die Frankfurter Skyline Occupy-Zelte gestellt hat. Dazwischen schreitet Eva-Maria Keller als Manzinger im schulterfreien Abendkleid über einen roten Teppich und erklärt, „dass die meisten Geschäfte nicht im Büro gemacht werden, sondern abends auf der Piste - du musst fuckable sein“.

Kreyer inszeniert den weiblichen Boss der Banker als „emotionslosen Merkel-Typ“, wie er es selbst nennt. Manzingers Kollegen sind entweder so, wie man sich Banker vorstellt. Niki Modersohn (Aljoscha Langel) etwa sagt den programmatischen Satz: „Das Leben ist ein Kuchen, und ich will nicht nur einen Krümel. Ich will den whole fucking cake.“ Oder aber sie wissen wie Gottfried Kastein (Björn Bonn), dass auch der ganze Kuchen die Gier nicht befriedigen kann.

Im Mittelteil geht es um den größenwahnsinnigen Zusammenschluss einer deutschen und einer US-Bank, damit noch mehr Profit gemacht werden kann, denn „Risiko und Ertrag sind siamesische Zwillinge“. Manche Banker erkennen sehr wohl, dass das nicht gut gehen kann. Aber sie sehen sich getrieben durch die Politik, die „die Brandbeschleuniger mit ins Boot geholt“ hat. Und deshalb zählen Walter von Hirschstein (Uwe Steinbruch) und Bertram Ansberger (Franz Josef Strohmeier) weiter Geld.

Einfache Wahrheiten gibt es im „Himbeerreich“ nicht, dessen Titel auf einen Begriff der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin für die reiche BRD anspielt. Am Ende zitiert der singende Chauffeur (Peter Elter) mit den Bankern die Strauß-Operette „Fledermaus“. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, heißt es dort. Das System, so kann man „Das Himbeerreich“ interpretieren, ist nicht zu retten.

Nächste Termine im Kasseler tif (Theater im Fridericianum): 26. September und 5. Oktober. Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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