Wibke Bruhns las aus ihren Erinnerungen

Fixpunkt Brandt

Wibke Bruhns

Kassel. Für sie war es „der langweiligste Job, den ich je hatte“, für viele verbindet sich ihr Name damit: Wibke Bruhns war die erste Nachrichtensprecherin des deutschen Fernsehens.

1971 hat sie für wenig mehr als ein Jahr die „heute“-Nachrichten gelesen. Kaum noch vorstellbar, welche Anfeindungen dies nach sich zog.

In ihrem neuen Buch „Nachrichtenzeit“ hat dieses Ereignis einen Platz unter vielen im Leben der 74-Jährigen. Auf Einladung der Freundinnen des Archivs der deutschen Frauenbewegung kam Bruhns zur Lesung in die Volkshochschule.

Die aus Halberstadt stammende Journalistin, deren Vater als Mitwisser des Attentats auf Hitler von 1944 hingerichtet wurde, schaut auf ein bewegtes Leben zurück: Korrespondentin für den „Stern“ in Jerusalem und Washington, ein Ausflug zum jungen Privatfernsehen, Kulturchefin beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg.

Ein Fixpunkt der lebhaft, mitunter schnoddrig schreibenden und erzählenden Frau war ein Mann: Willy Brandt, für den sie 1972 mit Günter Grass und vielen anderen Intellektuellen Wahlkampf machte. Die Schattenseiten des Bundeskanzlers, der den Menschen, zu denen er sprach, das Gefühl gab, konkret für sie da zu sein, aber im direkten Umgang verschlossen und abwesend wirkte, spielt im Buch eine große Rolle. Für die 130 Zuhörer bot dies unbekannte Einblicke in die Nachkriegsgeschichte.

Als Mosaiksteinchen ihrer Auslandstätigkeit las sie den Abschnitt über die Passions- und Osterfeierlichkeiten der verschiedenen Kirchen in Jerusalem. Das grenzte fast an Satire und sparte den geistlichen Kern des Trubels aus.

Was sie gern noch tun würde, wurde Bruhns gefragt. Einmal länger mit Angela Merkel sprechen und darüber schreiben. Daraus wird wohl nichts. Kein grünes Licht aus dem Kanzleramt.

Wibke Bruhns: Nachrichtenzeit. Meine unfertigen Erinnerungen, Droemer, 424 S., 22,99 Euro

Von Johannes Mundry

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