Mit Witz spielt Johannes Wieland im Tanzstück „newyou“ am Kasseler Staatstheater mit Klischees

Aus der Flasche fließt das Glück

Kassel. Man muss an diesen Cartoon denken, der vor einigen Jahren die Runde machte, wenn man die Hunderte Wasserflaschen sieht, die Johannes Wieland für sein Tanzstück „newyou“ auf die Bühne des Kasseler Schauspielhauses gestellt hat.

In dem Witz wundern sich zwei Außerirdische über die Menschen, die ständig riesige Plastikflaschen mit Mineralwasser aus den französischen Bergen in den Händen halten. Dann fragt der eine: „Brauchen die die, um glücklich zu sein?“

Wieland, Tanzdirektor am Staatstheater, kennt die lustige Zeichnung vermutlich nicht. Aber sein Stück, das er vor drei Jahren mit seiner New Yorker Compagnie entwickelte und nun in einer Kasseler Version auf die Bühne brachte, ist so etwas wie die Choreografie zum Cartoon. Eva Mohn, Brea Cali, Ryan Mason und Elisabetta Lauro bewegen sich zwischen Plastikflaschen und stellen mit deutschen Texten Fragen nach dem Glück und den Lügen, die darum kreisen.

Star des Abends ist Eva Mohn, die mit rothaariger Perücke die Moderatorin und eine „notorische Lügnerin“ gibt, wie sie selbst sagt. „Warten Sie immer noch darauf, dass hier irgendjemand irgendetwas tanzt? Da warten sie leider umsonst“, sagt sie nach den ersten 15 Minuten ohne Tanz.

Mit Ernst und Witz spielt Wieland mit den Klischees vom Glück, den Konventionen des zeitgenössischen Tanzes sowie den Rollen, aus denen die Tänzer hervortreten. Mason etwa, der hier John heißt, ist angeblich glücklich, weil er Geburtstag hat und rothaarige Frauen liebt. Irgendwann treten Dutzende rothaarige Frauen mit roten Gerbera auf die Bühne. John schwebt auf Wolke sieben, aber dann köpfen die Ladys die Blumen mit einer Schere.

Es wird dann zu Hits von Bert Kaempfert und elektronischen Sounds von Biosphere doch noch getanzt - und zwar mit großen Sprüngen, viel Armarbeit und furiosen Drehungen. In diesen Momenten ist es ein bisschen wie in dem Video, das zwischenzeitlich über die Wand flimmert. Die Schwarz-Weiß-Bilder zeigen John im nostalgischen New Yorker Freizeitpark Coney Island. Die Achterbahnfahrt dort macht ihn glücklich, er freut sich auf seinen Geburtstagskuchen, ehe er an Selbstmord denkt.

Die Bilder sind wie das Stück und dessen Protagonistin: John sagt über Eva, die so verführerisch und geheimnisvoll wie Uma Thurman in Quentin Tarantinos „Kill Bill“ daherkommt, dass sie „nett, aber etwas durchgeknallt“ sei. Einmal wirft sie sich in einem Solo rücklings in die Wasserflaschen. Brea Cali indes stellt eine wichtige Frage: „Wozu diese ganzen Flaschen?“ Sie sind ein schönes Symbol für das Glück, das wir am liebsten abfüllen würden.

Die Zuschauer im nur zu zwei Dritteln besetzten Schauspielhaus applaudierten nach eineinhalb Stunden angetan. Man konnte meinen, sie seien glücklich.

Die nächsten Aufführungen von „newyou“: 14. und 19. Oktober. Karten: 0561/1094-222. Ein Video zum Stück sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Matthias Lohr

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