Liszt-Abend mit Hideyo Harada und Corinna Harfouch

Auf den Spuren einer großen Liebesgeschichte: Hideyo Harada (links) und Corinna Harfouch. Foto: Malmus

Kassel. Als das Ende nicht mehr weit ist, schreibt er ihr aus dem fernen Wien einen Brief voller Euphorie. Triumph, Jubel der Menge, Vergötterung der Frauen - nein, er brauche das alles nicht. Nur sie fehle ihm, „meine Gute, meine einzige Marie“.

Doch Franz Liszt, Superstar, bleibt in Wien, Comtesse Marie d’Agoult verharrt in Italien.

„Ich habe eine tiefe Achtung vor Ihrer Freiheit“, schreibt sie zurück, und wenn Corinna Harfouch das liest, spielt ein ironisches Lächeln um ihre Lippen und auch Bitterkeit. Frauenwissen. Der Weg zum Abschied ist gemacht.

Die bekannte Darstellerin blättert an diesem Abend in der Reithalle am Marstall zusammen mit der Ausnahmepianistin Hideyo Harada in dem Buch einer großen Liebe: Die Liaison des Klaviervirtuosen und Komponisten mit der verheirateten Gräfin war ein Skandal in jener Zeit: 1835 flohen die beiden Liebenden zunächst nach Frankreich, dann in die Schweiz und nach Italien. „Wir wollen einander alles sein“ schreibt schwärmerisch Franz Liszt.

Im ersten Teil dieses literarisch-musikalischen Abends im Kultursommer sind es all die schönen Schwüre, das Verzehren, das Dennoch, denen Harfouch beim Lesen aus Briefen und den Memoiren der Comtesse eine sachliche Note verleiht, so als wolle sie schon in diesem Liebesaufschwung das Ende mit anklingen lassen. Und findet dann nach der Pause zur großen Form ihrer Kunst: Die Schauspielerin in dem schmalen, schwarzen Kleid verleiht Marie Gesicht und Stimme einer zutiefst verletzten Frau: So viel mehr Schattierungen hat ja das Scheitern. Harfouchs gestisch-mimisches Spiel, ihre Stimme bleiben stets doppelbödig, der Schmerz versteckt sich ganz nah unter der Oberfläche. „Der Alltag hat uns zu sich herabgezogen“ schreibt Marie.

Immer wieder fügen sich Klavierstücke aus Liszts „Années des pèlerinage“ , Ungarische Rhapsodien und Consolations ein: Die vielfach ausgezeichnete japanische Pianistin spielt sie als kostbare Meisterwerke menschlicher Seelenzustände. Ein Abend, der das Fliegen und das Abstürzen sichtbar machte. Stürmischer Applaus.

Von Juliane Sattler

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