Johannes Wielands Kasseler Tanzabend „roadkill“ mit animalischen Bewegungen

Nur Fliegen ist schöner

Doppelte Helden: Die Tänzer Ryan Mason und Eva Mohn heben vor der Landebahn im tif ab. Foto: Klinger

Kassel. Ausgerechnet die kleinste Figur muss die allergrößte Tragik aushalten in Johannes Wielands drittem Tanzabend dieser Spielzeit am Kasseler Staatstheater. Es ist eine Fliege, die Ryan Mason und Eva Mohn auf dem Paderborner Flughafen in ein Glas stecken. „Sie ist gefangen auf einer Landebahn“ sagt Mohn in einem Schwarz-Weiß-Video, das während der einstündigen Choreografie auf einer großen Leinwand im tif zu sehen ist.

Die Fliege im Glas ist ein schönes Symbol für den modernen Menschen, dessen Zwänge der Kasseler Tanzdirektor Wieland in seinen Stücken gern thematisiert. Einerseits wollen wir unser Leben leben und nicht durch eine Hülle fremdbestimmt sein, andererseits fühlen wir uns in unserem Glas sicher vor der Welt da draußen, in der Tiere im Straßenverkehr getötet werden, was im Englischen „roadkill“ heißt. Wie soll man sich da noch orientieren?

Mason und Mohn suchen gleich doppelt Halt: einerseits im Video auf der verregneten Landebahn, andererseits tänzerisch auf der fast leeren Bühne. Wie die Leinwandhelden Ryan und Eva die Tänzer Ryan und Eva beobachten, das ist ein philosophischer Trick über Realität und Identität. Aber weil der Choreograf Wieland irgendwie auch ein Spaßvogel ist, wird es nie zu verkopft. Wenn Mason wie eine Fliege durch den Saal und Mohn rasend schnell über die Bühne tanzen, weil das Video gerade im Schnelldurchlauf abgespielt wird, muss man laut lachen über den Herr der Fliegen und Lady Gaga.

Die Bewegungssprache ist fast schon animalisch. Zwischen den anrührenden Duetten zucken die beiden, liegen am Boden und bieten tolle Sprünge - nur Fliegen ist schöner. Das Summen der echten Fliegen ist auch in der eigens für das Stück geschriebenen Musik des australischen Komponisten Ben Frost zu hören. Sein pluckerndes Sounddesign hat Wieland mit Hymnen von Dean Martin, Patsy Cline und Bert Kaempfert versüßt, die Mohn und Mason als Playback singen.

Nach der Uraufführung gab es lauten Applaus für das Stück, mit dem die Kasseler auch bei renommierten Festivals in New York, Karlsruhe und Lettland gastieren - „roadkill“ ist keine Eintagsfliege.

Weitere Vorstellungen am 26. Mai und 3. Juni, Theater im Fridericianum, Kassel. Karten unter 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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