Eigenwillige Laut- und Wortpoesie dreier Künstler in der Reihe „3durch3“ im Kunsttempel

Fliegende Augen mit federnden Flügeln

Welten im Sprachklang: Valeri Scherstjanoi (links), Rozalie Hirs und Jonathan Bragdon im Kunsttempel. Foto:  Esterer

Kassel. Ob Laute eine Geschichte erzählen können? Wenn der Künstler Valeri Scherstjanoi minutenlang „Zisch, Psch, Grrr, Brrr, Pttt“ von sich gibt, wird deutlich, um was es geht. Im Kunsttempel, wo am Freitagabend zum Jubiläum der Veranstaltungsreihe „3durch3“ drei Sprachkünstler auftraten, machte Scherstjanoi die schmerzhaften, traumatischen Erfahrungen in der ehemaligen Sowjetunion fassbar. Das beeindruckte. Die hässlichen, brutalen Töne tun weh wie Peitschenhiebe, machen Angst, drangsalieren, maßregeln und werden zum Lautteppich des Unrechtssystems. „Ich leiste nach wie vor Widerstand“, sagt der 64-jährige Lautkünstler, der sich nach Umsiedlung in die DDR in den 80er-Jahren von Buchstaben trennte.

Zunächst ergeben die schneeflockenleichten Wortketten der niederländischen Dichterin und Komponistin Rozalie Hirs keinen Sinn. Es klingt wunderschön, wenn die 49-Jährige Zeilen vorträgt wie „fliegende augen mit federnden flügeln lichter geworfen/ auf einer karte gezeichnet in händen flammend“. Mag sein, sie möchte verborgene Gedanken und Gefühle an die Oberfläche holen. Auch die elektronischen Musikstücke haben wohl mit Seelenöffnung zu tun.

Von „consciousness“, von Bewusstsein also, handeln ebenso die Gedichte des amerikanischen Autors Jonathan Bragdon. Er las Lyrik auf Englisch. Die Zeilen, in denen er den Verstand mit einem Koffer vergleicht und das lyrische Ich der Reisende ist, vermittelten sich trotzdem: Nicht zu viel einpacken, sonst verlieren wir den Überblick.

Von Gesa Esterer

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