Er flirtete ohne Hosen: Multitalent Ulrich Tukur in Kassel

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Macht immer eine gute Figur: Ulrich Tukur ohne Hosen im Kasseler Schauspielhaus.

Kassel. Zuletzt sorgte er mit einem ebenso genialen wie verschrobenen "Tatort" für Furore, nun bewies Schauspieler Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus Boys in Kassel, dass er auch ein ausgezechneter Musiker ist.

Drei Musiker mit einer Fliegenklatsche, ein über die Bühne kreiselnder Schlagzeuger im Tutu und der Mann am Klavier ohne Anzugshose: „Let’s misbehave“ (Wir wollen uns daneben benehmen) nennt Ulrich Tukur sein neues Programm mit seiner Band, den drei Rhythmus Boys.

Damit riss der Musiker und Schauspieler, der eben noch als Kommissar Felix Murot in einem viel diskutierten und verstörenden HR-„Tatort“ zu sehen war, die 500 Zuschauer im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus zu Begeisterungsstürmen hin. Zweckfreier Nonsens mit einer Spur Melancholie, keiner kann das so gut wie der 57-Jährige, der in Italien lebt.

Bereits 1995 hat das charismatische Multitalent seine Tanzkapelle, die er selbst als „die älteste Boygroup der Welt“ bezeichnet, ins Leben gerufen. Seitdem bringt er als Mann am Klavier im Opa-Anzug und Gigolo-Schuhen seinem Publikum die Songs der 20er- und 30er-Jahre näher: leichte, swingende Musik zum Überleben in eher schweren Zeiten.

Diesmal sind es die amerikanischen Komponisten und Songschreiber Cole Porter, George Gershwin und Irving Berlin, an die er erinnert. Tukur, auch ein hinreißender Erzähler, gelingt es in geistreichen Biopics, das Leben seiner Säulenheiligen zu umreißen. Geschichten zu erzählen, mal in näselndem Englisch, mal auf Deutsch.

Und dann setzt er sich ans Klavier und singt ihre Lieder. Immer mit dieser seltsam hohen Stimme, mit diesem altmodischem Schmelz, wippend mit dem Fuß, kippelnd auf dem Klaviersessel. „Puttin‘ On The Ritz“, „Begin The Beguine“, „I Can‘t Give You Anything But Love, Baby“. Tanzen möchte man dazu, schweben.

Der Mann am Klavier und sein infernalisches, aus Ulrich Mayer (Gitarre), Günter Märtens (Kontrabass) und Kalle News (Schlagzeug) bestehendes Trio inszenieren sich unangestrengt zwischen Pathos und Sentiment, zwischen Klamauk und Nonsens, alles irrsinnig leicht und schräg in seinen Interpretationen.

Tukur schießt auch mit der Wasserpistole, raucht ein wenig und flirtet mit der Frau des Staatstheater-Intendanten in der ersten Reihe. Er hat dieses Gespür für die richtige Mischung, das richtige Timing - unkonventionell, immer irrlichternd und Grenzen auslotend.

Dann rezitiert er auch mal Gedichte und lässt den Abend im Dämmerlicht verhallen: Ein instrumental vorgetragenes „La Paloma“. Wunderschön, mit musikalischem Möwengeschrei. Donnernder Applaus und Standing Ovation. Und bei der letzten Zugabe, dem alten Kinderlied „Old Macdonald Had A Farm“, singt sogar der Herr neben mir zum ersten Mal mit.

„Musik für schwache Stunden“, das aktuelle Album von Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys ist bei Trocadero erschienen.

Von Juliane Sattler

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