Flitschgummi für die Fantasie: Das Kinderstück „Restmüll“ im Tif

Seltsame Begegnung: Die Brüder Boris (Peter Elter, links) und Gustav (Aljoscha Langel) beim zotteligen Hermann (Enrique Keil). Foto: Klinger

Es kann die Fantasie sein, die das Leben erträglicher macht, das Hinwegträumen, wohin und zu wem auch immer. Zwei Jungen allein zu Haus, die Eltern sind irgendwann spurlos verschwunden.Was tun?

Das Leben will gelebt werden, notfalls auch ohne Eltern. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf hat’s vorgemacht. Mit Bärenkräften ausgestattet, zeigt sie den Erwachsenen, was eine Harke ist.

Die beiden Jungs in Ko van den Boschs Einakter „Restmüll“ haben keine Bärenkräfte. Aber der Niederländer hat seine Protagonisten mit Fantasie und wüsten Ideen ausgestattet. In Dieter Klinges eindrücklicher Inszenierung hatte das Stück am Sonntag Premiere im Tif.

Boris heißt der Jüngere der Brüder, gespielt von Peter Elter. Mit seinen verwuselten Haaren, der riesigen ockerfarbigen Billigjacke und der Tropfenform-Brille wirkt er wie ein verschrobener Lausbub. Der versponnene Bengel sucht täglich draußen im Müll nach Spuren seiner Eltern. Einmal sagt er: „Vielleicht finde ich ein Flitschgummi, um die Gedanken daran aufzuhängen.“ Die ganze Wohnung ist ein Müllhaufen, überall fliegt was herum. Gustav, dem Älteren, geht das mächtig auf den Wecker, von denen es ebenfalls eine beträchtliche Anzahl gibt.

Während Boris noch auf die Rückkehr hofft, hat Gustav resigniert. Vielleicht fühlt er sich deshalb für den Jüngeren verantwortlich. Aljoscha Langel ist Gustav, irgendwie ein Fels in der Brandung, aber doch verletzlich, sensibel und lustig, auch wenn er behauptet, dass sein Bruder ein Idiot sei. Eines Tages treffen sie auf einen seltsamen Typen, der hinter ihrem Sofa haust und die ganze Szenerie stülpt sich von innen nach außen (Bühnenbild Sibylle Pfeiffer). Jetzt wird es völlig surreal: Was ist Wahrheit, was Fantasie, was Realität? Hinter dem Sofa lebt ein zotteliger Hermann (Enrique Keil) und ernährt sich vom Abfall der Kinder, vom Restmüll also. Ist es der Vater oder bloß ein weiterer Wunschtraum?

Die beiden erwachsenen Darsteller schlüpfen in die Rolle von Kindern. Von daher müssen auch die Zuschauer ab sieben Jahren einiges an Fantasie aufbringen, um zu realisieren, dass sie es eigentlich mit Gleichaltrigen auf der Bühne zu tun haben, zumal Gustav einen Bart trägt. Langer Applaus.

Die nächsten Termine: 6., 11., 15. und 22.4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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