Zuschauer entscheiden über Urteil

Florian David Fitz zum Fernseh-Ereignis „Terror“: „Es gibt keine gute Lösung“

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Auf der Anklagebank: Florian David Fitz spielt den Piloten Lars Koch. 

In der Verfilmung des Theaterstücks "Terror" dürfen am Montagabend im Ersten die Zuschauer das Urteil fällen. Florian David Fitz spielt den angeklagten Piloten Lars Koch.

Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? Diese Frage stellt Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“, das auch in Kassel und Göttingen zu sehen ist. 

Im Fernsehspiel „Terror - Ihr Urteil“, das zeitgleich auch in Österreich, Slowenien, Tschechien und der Schweiz läuft, dürfen am Montag, 20.15 Uhr, im Ersten wie im Theater die Zuschauer entscheiden, ob es zur Verurteilung oder zum Freispruch kommt. Regie: Lars Kraume. Den Piloten auf der Anklagebank spielt Florian David Fitz.

Wie ist das, sich von Martina Gedeck als Staatsanwältin grillen zu lassen?

Florian David Fitz: Sehr, sehr schön (lacht). Ich kann mir wenige Menschen vorstellen, von denen ich mich lieber grillen lassen würde, als von Martina.

Die setzt Sie ganz schön unter Druck.

Fitz: Das ist natürlich ihr Job. Unsere Szene ist ja so ein bisschen das Zentralstück, wir haben das sehr lange geprobt, weil wir am Stück gedreht haben. Das ist gar nicht normal, dass man zwölf oder 13 Minuten am Stück dreht. Wir haben deshalb sehr viel gemeinsam geprobt und immer wieder auch debattiert. Uns ist immer wieder etwas aufgefallen, wie es noch weiter gehen könnte. Auch Lars (Eidinger als Anwalt, d. Red.) hat seine Argumente. Es geht hin und her, das macht es spannend.

Sie haben mit brillanten Schauspielern agieren dürfen, da war die Crème de la Crème der deutschen Darsteller am Start, darunter auch Burghart Klaußner, Jördis Triebel und eben Lars Eidinger. War das etwas Besonderes?

Fitz: Insgesamt ist das Projekt etwas Besonderes, so wurde es uns auch vorgestellt. Man hat mir ja gesagt, wer da mitspielt. Natürlich hatte ich Lust auf diese gute Truppe. Das macht natürlich Spaß.

Sie müssen anfangs lange abwarten. Es geht andauernd um Sie als Angeklagter und Ihr Verhalten, Sie sind immerzu im Bild präsent, aber Sie kommen noch nicht zu Wort. Wie schwer ist das?

Fitz: Was Sie sehen, sind ja nur 30 Minuten. Wir haben acht, neun Tage nur da gesessen. Ich fand’s anstrengender - und das war auch vorher klar - dass man die Argumente 30- oder 40- oder 50-Mal hören musste. Wir haben versucht, das gut auszutimen. Damit man auch mal rausgehen kann, wenn man wirklich nicht im Bild ist. Damit es noch ein bisschen frisch bleibt.

Oder ist das auch eine Chance zu zeigen, was man kann, wenn man reduziert wird auf die Körperhaltung, auf Gestik und Mimik? Sie können ja im Verfahren erstmal nicht eingreifen.

Fitz: Das ist vielleicht eine Sicht von draußen auf das Handwerk. Schauspiel ist immer ganz viel Zuhören. Und Reagieren auf das, was passiert. Das war nicht kompliziert. Schwierig ist, dass man etwas wie neu hören soll, obwohl man es tatsächlich zum 20. Mal hört.

Ist eigentlich chronologisch gedreht worden? Und wie lange?

Fitz: Ja. 15 Drehtage. Das ist normalerweise für 90 Minuten sehr kurz, aber dadurch, dass wir nur an einem Ort gedreht haben, war das sehr lang. Wir mussten ja nicht reisen, sondern Stück für Stück durch diese Argumentation gehen.

Mussten Sie sich sklavisch ans Drehbuch halten oder konnten Sie sich Ihre Worte zurechtlegen?

Fitz: Das konnten wir nicht. Es ist ja ein Theaterstück, so muss man es würdigen. Und Schirach hat es so gut geschrieben, dass wir es auch nicht mussten. Aber wir haben uns schon mit ihm zusammengesetzt, es gab zwei, drei Punkte, wo wir Fragen hatten, wo er schon bewusst in eine Richtung lenkt. Da würde man als Figur sagen: Warte mal, warum geht die Argumentation nicht anders weiter, warum verteidigt er sich so schlecht? Das ist natürlich gewollt, Schirach will die Leute absichtlich aufs moralische Glatteis führen, zeigen, dass vielleicht immer auch die andere Person recht hat. Er will verunsichern. Dadurch wird die Argumentation auch verkürzt. Auch Martina kann nicht alle ihre Argumente komplett auslegen. Das ging uns so, als wir weiter diskutiert haben. Man könnte ja weitermachen, das ist hier noch gar nicht zu Ende. Aber das ist die Unterhaltung, die vor dem Fernseher stattfinden soll.

Ich habe mich vorher gefragt: Was kann ein Fernsehfilm diesem ja sehr erfolgreichen Stück hinzufügen? Aber der Film entwickelt eine unglaubliche Intensität. Hatten Sie eine Inszenierung im Theater gesehen?

Fitz: Ich hatte es mir nicht angeschaut, mir hat gereicht, das Buch zu lesen. Es geht ganz klar um die Argumentationen, nicht um uns als Schauspieler. Wir sind dazu da, die Argumentationen und auch die Emotionen glaubwürdig darzustellen. Eigentlich geht es um die Debatte, um die Standpunkte. Und das ist so spannend, dass man sich dem nicht entziehen kann. Wir werden so verwöhnt, in anderen Filmen würde man sofort den Flugzeugabsturz zeigen. Hier sind es wirklich nur die Argumente. Aber die sind eben viel faszinierender, als das Geschehen zu betrachten. Das involviert uns viel mehr.

Andererseits veranschaulichen Sie diese Argumente, Sie machen diese Auseinandersetzung lebendig. Aber Ihre Präsenz macht den Gedanken noch mal schwerer erträglich, einen solchen Vorzeigesoldaten in Haft zu schicken.

Fitz: Es soll uns schwerfallen. Das soll uns alles schwerfallen. Das ist das, was Schirach will. Es ist ein Dilemma. Es gibt keine gute Lösung. Aber es toll zu sehen, welche Arbeit in diese Verfassung investiert worden ist. Darauf will er aufmerksam machen.

Der Film ist auch ein Lehrstück, wie Gerichte arbeiten, wie das Rechtssystem funktioniert, wie Juristen ticken. Haben Sie Vertrauen in die Justiz?

Fitz: Grundsätzlich schon, natürlich. Was für uns Normalsterbliche gewöhnungsbedürftig ist - und das benutzt Schirach dauernd - ist der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Recht oder Recht und Moral. Das sagt Martina an einer Stelle: Es geht nicht um Moral. Die verändert sich. Recht soll nur der Vernunft obliegen. Natürlich kann man auch da sagen: Auch das Recht verändert sich. Was unter den Nazis Recht war, ist es jetzt nicht mehr. Aber man unterliegt der Aufklärung und der Vernunft. Man muss bestimmte Dinge aushalten: Dass man den Mörder seines Kindes nicht mit eigenen Händen umbringen darf. Dass er vielleicht aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird. Das ist alles schwer zu ertragen, aber wir haben durch die Menschheitsgeschichte gelernt, dass es noch schlimmer ist, wenn es diese Rechtssicherheit nicht gibt.

Wie fühlt es sich an, Uniform zu tragen?

Fitz: Das war nicht das erste Mal für mich. Das macht immer was mit einem, wie jedes Kostüm. Natürlich sitzt man anders oder hält sich anders. Aber noch entscheidender war der Gerichtssaal. Dieser Stuhl, auf dem der Angeklagte sitzt: Das ist keine angenehme Position, in der man sich befindet.

Waren Sie selbst bei der Bundeswehr?

Fitz: Nein, ich bin ausgemustert worden.

Inwiefern mussten Sie sich inhaltlich mit dem, was Sie als Standpunkt vertreten, identifizieren? Nimmt man diese Rolle auch an?

Fitz: Ich hätte mich genauso gut mit der Argumentation der Staatsanwältin anfreunden können, die ist sehr gut. Aber natürlich muss ich in dem Augenblick, in dem ich spiele, die meiner Figur übernehmen. Und auch der kann man folgen. Das ist ja das Problem. Ich kann mich mit beiden identifizieren.

Wagen Sie einen Tipp, wie das Publikum abstimmen wird?

Fitz: Ich weiß es nicht. Das ist langweilig, dass so vorwegzunehmen. Es gibt ja die Ergebnisse der Theateraufführungen auf irgendeiner Internetseite. Ich glaube nicht, dass es sich maßgeblich unterscheiden wird.

Man muss diesem Film sehr genau folgen. Das ist keine Unterhaltung, womit man sich nach Feierabend auf dem Sofa berieseln lassen kann. Werden die Zuschauer das mitmachen?

Fitz: Ich bin gespannt. Der Witz ist ja, dass das Berieseln viel langweiliger und anstrengender ist, als wenn mich was interessiert. Dann höre ich ja gern zu, dann werde reingesogen. Das ist das Experiment. Das ist raffiniert, dass es um diesen Flugzeugabsturz geht. Das kann sich jeder vorstellen. Das hat Aktualität. Deswegen haben wir alle eine Meinung dazu. Deshalb mache ich mir da keine wirklichen Sorgen.

Lars Eidinger als Anwalt geht dauernd umher, das ist wahrscheinlich ein filmisches Mittel. Und er lümmelt sich ziemlich respektlos auf seinem Stuhl herum. Würden Sie ihm das Mandat anvertrauen?

Fitz: Lars Eidinger oder dem Verteidiger? Das sind zwei verschiedene Fragen (lacht). Die Argumentation des Verteidigers ist doch eine sehr gute. Sein Statement kann sich mit dem der Staatsanwältin messen. Insofern: Wahrscheinlich ja.

Zur Person

Florian David Fitz (41) wurde in München in eine Künstlerfamilie geboren - er ist der Cousin von Lisa und Michael Fitz. Er wurde in Boston ausgebildet, spielte Theater. Bekannt wurde er mit der Serie „Doctor’s Diary“ und Filmen wie „Männerherzen“ und „Vincent will Meer“. Sein Regiedebüt hatte er mit „Jesus liebt mich“. Jüngster Film: „Der geilste Tag“. Fitz hat den Grimme-Preis, den Bambi, den Deutschen Film- und den Fernsehpreis erhalten. Er ist karitativ tätig, sein Privatleben hält er bedeckt.

"Terror" - der Fall

Terroristen haben eine Lufthansa-Maschine entführt und lenken sie in Richtung der vollbesetzten Allianz-Arena in München. Kampfjets der Luftwaffe gelingt es nicht, das Flugzeug abzudrängen. Ein Pilot entscheidet sich, entgegen dem Befehl seiner Vorgesetzten das Flugzeug eigenmächtig abzuschießen - im Widerspruch zur Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Das hat das Luftsicherheitsgesetz gekippt, das den Abschuss erlaubt hätte. Nun muss sich der Major wegen 164-fachen Mordes verantworten - alle Insassen kamen ums Leben. 

Ausgerechnet die FDP-Politiker und Juristen Burkhard Hirsch und Gerhart Baum, deren Verfassungsbeschwerde 2005 Erfolg hatte, kritisierten Ferdinand von Schirachs 2015 uraufgeführtes Stück um ethisches Handeln und Befehlsverweigerung als „Effekthascherei“. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch verzeichnet fortlaufend im Internet den Stand der Abstimmungen. Zuletzt hatten von etwa 153 000 Zuschauern rund 60 Prozent den Piloten freigesprochen. In 429 Aufführungen in Deutschland wurde der Pilot 402 mal freigesprochen.

So stimmen Sie ab

Millionen können das Urteil fällen: Sie entscheiden quasi als Schöffen per Telefon- oder Online-Voting, ob der Angeklagte zu verurteilen ist. Beide Versionen - schuldig oder nicht schuldig - sind gedreht. Die Zuschauer stimmen nach den Plädoyers mehrere Minuten lang ab. Dann wird das Urteil gezeigt. 

Die Nummern: 0137 10 220 01 (schuldig), 0137 10 220 02 (unschuldig) oder www.daserste.de/hartaberfair.

Bei „hart aber fair“ diskutieren Frank Plasbergs Gäste ab 21.55 Uhr das Ergebnis.

Von Mark-Christian von Busse

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