Berlinale-Wettbewerb: Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist wichtiges Thema

Will Seemann werden wie seine Vorfahren: Samuele Pucillo auf Lampedusa in der Doku „Fuocoammare“.

Berlin. Flucht, Aufbruch, gesellschaftliche Veränderung: Die Berlinale hat einen sehr aktuellen Schwerpunkt.

Am Wochenende überzeugten zwei ganz unterschiedliche Filmbeiträge im Wettbewerb zu diesem Themenfeld. „Inhebbek Hedi“ ist das leise Spielfilmporträt der jungen Generation in Tunesien, die ihren Platz im Leben sucht. „Fuocoammare“ ist ein Dokumentarfilm von der italienischen Insel Lampedusa, auf der sich das Flüchtlingselend schon lange manifestiert hat, bevor es in Mitteleuropa wahrgenommen wurde.

DIE HERANGEHENSWEISE

Mit Neugier, viel Zeit und einer leichten, lichtstarken Kamera hat sich Gianfranco Rosi auf die italienische Insel begeben, war über ein Jahr dort und will einerseits das dortige Alltagsleben dokumentieren, andererseits den kompletten Ausnahmezustand, in dem sich die vielen ankommenden Flüchtlinge befinden. Mohammed Ben Attia hingegen will das Leben eines durchschnittlichen 25-Jährigen darstellen. Hedi stellt plötzlich Job, Ehe und überhaupt seine vorgezeichnete Zukunft in Frage. Er begibt sich auf die Suche nach seinen Wünschen. Dabei arbeitet Ben Attia in seinem von den Regiestars Jean-Pierre und Luc Dardenne mitproduzierten Langspielfilm-Debüt in einem diskreten, unspektakulären Stil.

DIE GESCHICHTEN

Hedi, die Hauptfigur in „Inhebbek Hedi“, wird kurz vor seiner Hochzeit als Handelsvertreter in den Küstenort Mahdia geschickt. In einem heruntergekommenen Touristenhotel bezieht er Quartier und lernt die Animateurin Rim (Rym Ben Messaoud) kennen. Das spontane Verliebtsein weckt in ihm die Sehnsucht nach einem eigenständigen Leben, weg von Mutters dauernder Einflussnahme, raus aus der arrangierten Ehe, so lieb seine Braut auch ist.

„Fuocoammare“ zeigt den Alltag auf Lampedusa mit den Augen des 12-jährigen Samuele Pucillo, in dessen Familie alle Männer Seeleute sind. Er spielt am liebsten mit der Steinschleuder und übt, nicht seekrank zu werden. Weiterer Protagonist der Doku ist der Arzt Pietro Bartolo, der täglich im Einsatz ist, wenn Flüchtlinge gerettet werden, von Erstversorgung bis Schwangerenbetreuung. Dazu stellt Regisseur Rosi Bilder von Rettungsaktionen auf hoher See, von überfüllten Booten, entkräfteten Menschen und als Höhepunkt den kraftvoll-poetischen Klagegesang eines Nigerianers, der aus seiner Fluchtgeschichte eine Hymne macht.

DIE BOTSCHAFT

„Fuocoammare“ schmerzt mit der Direktheit der Bilder und bewegt mit der Menschlichkeit der Inselbewohner. Das dem gegenübergestellte Porträt Samueles, der vom Flüchtlingsdrama kaum etwas mitkriegt und vollauf mit Hausaufgabenschwänzen beschäftigt ist, lässt sich als Symbol für weit verbreitete Lethargie zu diesem Thema sehen.

Doppelbödig funktioniert auch „Inhebbek Hedi“. Ben Attia formt seinen Film als Parabel auf seine Heimat Tunesien: Hedis Verliebtheit ist wie beim Arabischen Frühling der Startpunkt für einen Prozess der Selbstfindung. Wer bin ich? Will ich aus der Bevormundung wirklich hinaus? Wo will ich hin? Und was, wenn es schwierig wird?

AI WEIWEIS APPELL

Mit einer Installation aus Schwimmwesten erinnert der chinesische Künstler Ai Weiwei (58) in Berlin an das Schicksal der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Das Kunstwerk am Konzerthaus Gendarmenmarkt ist eine Aktion für die Filmgala „Cinema for Peace“. Ai Weiwei arbeitet derzeit an einem Film über Flüchtlinge (dpa)

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