Fluffiger Cocktail-Rap: Jazzkantine im Theaterstübchen gefeiert

Bühnenshow im feinen Zwirn: Die Braunschweiger Formation Jazzkantine. Foto: Fischer

Kassel. Wie doch die Zeit vergeht. Als im brechend vollen Theaterstübchen Dandy-Rapper Cappuccino das 20-jährige Bühnenjubiläum der Band verkündete, die sich gerade im feinen Zwirn auf der Bühne in Position brachte, fragte man sich, wo denn all die Jahre zwischen Grandmaster Flash und Macklemore geblieben sind.

Man hatte das Gefühl, dass die erste auf CD gepresste Idee, amerikanischen Jazz und Funk für deutschen Sprechgesang zu zähmen, vor fünf Jahren unter dem Weihnachtsbaum gelegen hatte. Es war das Erstlingswerk der Braunschweiger Formation Jazzkantine und damals eine kleine Sensation.

Dementsprechend begeistert wurden sie in dem aufgeheizten Kellerclub in Empfang genommen. Doch ein Blick in das Publikum offenbarte die ganze Wahrheit der zeitlichen Dimension. Vierzig- und Fünfzigjährige dominierten das Geschehen und bei genauer Analyse des Songmaterials erkannte man auch die 90er-Jahre- Kompositionsphilosophie der damaligen Protagonisten. Bei der Jazzkantine sind die Erchinger Brüder als Gründungsmitglieder nicht mehr dabei, doch mit dem Gitarristen Tom Ben-necke, dem Bassisten Christian Eitner und den beiden Rappern Cappuccino und Tachiles immerhin noch vier Pioniere aus den Kinderjahren der Band.

Musikalisch überzeugte man mit solistischer Qualität, einem tollen Sound und fein justierten Arrangements. Nach eigener Aussage ist man „lange noch nicht satt“, doch den kreativen Hunger stillt man eher mit konventioneller Kost.

Bei den Interpretationen ihrer alten Hits wie „Respekt“, „Kein Bock“ oder „Krankenhaus“ bleibt man immer in Ufernähe und wagt sich nicht hinaus auf das offene Meer.

In diesen Gewässern kann einem kein Sido, Marteria oder Spax begegnen, und somit vermeidet man den Kontakt zur streitbaren Aktualität des deutschsprachigen HipHop.

Jazzkantine machen fluffigen Cocktail-Rap, wobei das „Wir sind Jazz, wir sind cool“-Gebaren etwas nervt. Das inhaltliche Vakuum der Texte und viele Songs, in denen man sich bei rhythmischer Gemütlichkeit energetisch neutralisiert, bremsen ein wenig die vorhandene Potenz. Doch dem Ende entgegen wurde noch einmal kräftig gefeiert und erst nach mehreren Zugaben verließ ein begeistertes Publikum das Areal.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.