Ein Norweger aus Berlin

Techno-Party mit The Whitest Boy Alive im Kulturzelt 

Im blauen Scheinwerferlicht: Erlend Øye. Foto: Fischer

Kassel. Erlend Øye sieht aus wie einer jener Computer-Freaks, die früher bei Partys nur in der Ecke saßen oder gar nicht erst eingeladen worden waren. Und nun steht der rothaarige Norweger, dessen Brille so groß wie ein Laptop ist, auf der Bühne des fast ausverkauften Kasseler Kulturzelts, und man wünscht sich, ebenso ein schräger Schlacks zu sein.

Großstadtfrauen, schrieb ein Kritiker, zieht der Norweger angeblich magisch an, weil sie mütterliche Gefühle für ihn hegen. Das liegt auch an der Musik. Mit seinem Kumpel Eirik Bøe machte er Anfang der Nullerjahre schwermütigen Gitarrenfolk. Aus dem Albumtitel „Quiet is the New Loud“ wurde das Schlagwort einer Bewegung. Als Solokünstler machte er heimelige Elektronik. Und mit seiner 2003 in Berlin gegründeten Band The Whitest Boy Alive verwandelt der 36-Jährige das Kulturzelt am Samstag in einen Indie-Club, in dem eine Techno-Party steigt.

Das Quartett spielt funky Pop mit den Mitteln des House. Øye lässt seine Gitarre zirpen, der Bass von Marcin Öz wummert warm, und Keyboarder Daniel Nentwig lässt die fluffigen Songs mit seinem Rhodes-Klavier immer wieder endlos zerfasern, bis alle die Hookline nicht mehr erwarten können und die Arme in die Höhe reißen wie früher bei Techno-Krachern von Daft Punk.

The Whitest Boy Alive lassen unglaubliche Energie auf Melancholie treffen, für die vor allem Øye sorgt, dessen Gesang immer noch nur ein Hauchen ist. „Freedom is a possibility, only if you’re able to say no“, heißt es einmal. Er nimmt sich die Freiheit, Nein zu sagen. Manchmal redet er mitten im Song mit seinen improvisierenden Kollegen und witzelt, dass sie sich an die Absprachen halten sollen, weil alles nur Playback sei. Am Ende eines 80 Minuten kurzen und trotzdem großen Konzerts lässt er das ganze Zelt wie Gotthilf Fischer „Lalalala“ singen. Uncool ist das neue Cool.

Nächstes Konzert im Kulturzelt: Mittwoch, 19.30 Uhr: Konzert von Fatoumata Diawara.

Von Matthias Lohr

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