Fordernder Auftritt vom International Mahler Orchestra

Musik intensiv: Yoel Gamzou dirigiert das Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie. Foto: Schachtschneider

Kassel. Dass sich klassische Musik neu erfinden muss, davon ist Yoel Gamzou (26) zutiefst überzeugt. Das ist nicht nur eine Frage von Interpretation, Gamzou, seit 2012 Erster Kapellmeister des Kasseler Staatstheaters, setzt tiefer an. Es geht ihm um eine demokratische Orchesterstruktur, die ohne die herkömmlichen festen Positionen und Hierarchien auskommt, und um neue Konzertformen, die die Trennung zwischen Musikern und Zuhörern aufbrechen.

Wie so etwas aussehen kann, erlebten etwa 600 Zuhörer am Freitag in der Kasseler Stadthalle beim Konzert Gamzous mit dem 2006 von ihm gegründeten International Mahler Orchestra.

Das Publikum war um ein großes Podium in der Saalmitte gruppiert, und das Orchester wechselte in den drei Konzertteilen zweimal die Spielrichtung. Aber nicht nur Musik für Streichorchester wurde in dem gut dreistündigen Konzert gespielt, sondern auch Kammermusik. Für das Publikum war es ein intimes und sehr dichtes Musikerlebnis der vorwiegend leisen Töne - ein ernster und fordernder Abend.

Wie aus dem Nichts ließ Stefan Hadjiev zu Beginn das Prélude aus Bachs 2. Solosuite für Cello aufscheinen. Er beschränkte sich auf die langsamen, meditativen Teile, nur einmal durch die flotte Courante unterbrochen, und ließ sein Instrument im Pianissimo fast verstummen, ehe Yoel Gamzou übergangslos das Adagietto aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie anschloss. Nicht als verhangen- melancholisches Stück, sondern als Drama mit heftigen Kontrasten und Gefühlsaufwallungen. Nach dieser aufwühlenden Musik setzte Samuel Kramer, Hessens preisgekrönter junger Poetry-Slammer, mit einem Gedicht voller bildmächtiger Wortkaskaden einen eindrucksvollen Kontrast. Und als habe das Orchester seine Zeile „Sein Herz lechzt nach Farbe in dieser monochromen Welt“ als Aufforderung verstanden, folgte als reiches Farbenspiel Claude Debussys Danse Sacrée - Danse profane für Harfe und Streichorchester mit der Solistin Marianne Lecler.

Marco Zeiser Celesti, Chordirektor am Staatstheater, übernahm im zweiten Teil die Orchesterleitung bei Nino Rotas Concerto per Archi und Dmitri Schostakowitschs Kammersymphonie. Dazwischen aber verzauberte Marianne Lecler die Zuhörer mit funkelnden Soli in Maurice Ravels Introduction et Allegro für Harfe, Klarinette, Flöte und Streichquartett. Zum Kulminationspunkt wurde Schostakowitschs Kammersymphonie, deren herbe Trauer und vergebliches Aufbegehren Zeiser Celesti mit den tollen Instrumentalisten in äußerster Intensität und Differenziertheit herausarbeitete.

Noch mal Pause - ehe nach einem weiteren Gedicht Samuel Kramers Yoel Gamzou mit Erich Wolfgang Korngolds Symphonischer Serenade den Schlusspunkt setzte. Wenn es noch einer Ehrenrettung des lange als Zuckerguss-Komponisten verschrienen Korngold bedurft hätte, hier wurde sie geliefert. Welche abgründigen Botschaften diese knappen vier Sätze bereithalten, offenbarten Gamzou und das erstklassige Orchester, bei dem übrigens immer wieder die Positionen gewechselt wurden, mit ihrer extrem spannungsreichen Interpretation. Am Ende feierten die Zuhörer - im Bewusstsein, einen äußerst heftigen Klassik-Abend erlebt zu haben - die Akteure mit Standing Ovations.

Von Werner Fritsch

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