Fotobuchfestival: Der ungeschönte Blick von Daido Moriyama

Sein Werk als Fototapete: Daido Moriyama (75) am Donnerstagabend im Kasseler Kunstverein. Foto: Sauerwein

Kassel. Alles ist Daido, Daido ist überall. Der 75 Jahre alte japanische Fotograf Daido Moriyama wurde am Donnerstagabend als einer der weltweit bedeutendsten und prägendsten Fotografen in Kassel begrüßt, wo ihm bis Sonntag das sechste Fotobuchfestival in der documenta-Halle gewidmet ist.

Im Kunstverein im Fridericianum werden bis zum 6. November die schwarz-weißen Werke Moriyamas einer Vertreterin der aktuellen japanischen (Farb-)Fotografie gegenübergestellt: Die 41-jährige Mika Ninagawa ist auch mit der der Manga- und Anime-Szene vertraut.

Wo immer Daido Moriyama bei den Eröffnungen auftrat, näherten sich Fans, wollten sich mit ihm ablichten lassen, ihn selbst fotografieren, baten um Autogramme. Michael Wiedemann vom Kasseler Fotoforum, das die Präsentation im Kunstverein mitorganisiert hat, betonte den weltweiten Einfluss Moriyamas. Er selbst habe nach einer legendären Ausstellung mit zeitgenössischer japanischer Fotografie in Darmstadt Ende der 70er-Jahre sein Lehramtsstudium geschmissen und Fotografie studiert.

Eckhard Heuser, ein Kölner Filmemacher und Sammler, der sich von Moriyama einen Bildband signieren ließ, bewundert an dem Japaner, dass er „seiner Zeit so weit voraus war“, und das nicht nur in der konservativen japanischen Kultur, sondern international. „Er hat fortschrittlich gedacht und gehandelt. Das ist das Beste, was man über einen Künstler sagen kann.“

Foto von Mika Ninagawa (41). Foto: Kunstverein

In Kassel gibt es nun den ganzen Moriyama zu sehen: Sämtliche Fotobücher in der documenta-Halle, in allen möglichen Stärken und Formaten, die erhältlichen im Original, die anderen als Faksimile-Drucke. In den Räumen im Fridericianum gibt es seine Bilder an den Wänden, in einer Beamer-Show und mithilfe der Marburger Tapetenfabrik in riesigen Fototapeten. Eine gigantische Daido-Show.

Welche Vorreiterrolle Moriyama spielte, ist schnell nachzuvollziehen. Der Japaner, Ende der 60er in Tokio Teil der Avantgarde-Gruppe Provoke, bildet nie Gefälliges oder gar Glanzvolles ab. Er setzt den Alltag ins Bild, die Schatten- und Nachtseiten der Städte, die Rotlichtmilieus. Scheinbar absichtlos, ohne Blick durch den Sucher, oft grobkörnig, unscharf, mit starken Vergrößerungen fotografiert er Straßenszenen, Gleisanlagen, abgerissene Werbung, streunende Hunde, Abfälle, Müll.

Manche Fotobücher heißen schlicht „Sao Paulo“, „Buenos Aires“, „New York“. Auch in diesen Metropolen hat Moriyama fotografiert, das Billige, Rauhe, Schäbige und Versehrte. Ungeschönt.

Fotobuchfestival

Neben den Daido Moriyama gewidmeten Ausstellungen gibt es beim Fotobuchfestival in der documenta-Halle Fotobuch-Präsentationen, Podiumsdiskussionen, einen Buchmarkt, eine japanische Bar sowie die Verleihung der Preise „Experts Best“ und „Dummy Award“.

Geöffnet ist es am Freitag, Samstag und Sonntag ab 10 Uhr, Festivalende Sonntag 17 Uhr. Tickets kosten heute 10, Sonntag 8 Euro, Festivalticket 18 Euro.

Infos und Zeitplan: www.fotobookfestival.org

Die Ausstellung im Kasseler Kunstverein im Fridericianum läuft bis 6.11., Di - So 11-19, Do 11-20 Uhr, Eintritt 4 (2) Euro, mittwochs frei. www.kasselerkunstverein.de

Von Mark-Christian von Busse

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