Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys überzeugten beim „Sommer im Park“ mit lässiger Tanzmusik

Ein Foxtrott an die Hafenbrücke

Leidenschaft für die Musik der 20er- bis 40er-Jahre: Ulrich Tukur am Akkordeon beim Auftritt in Vellmar. Foto:  Fischer

Vellmar. Ein Engel wandelt auf der Kasseler Hafenbrücke? Fast meinten die Zuhörer das überirdische Flügelwesen zu sehen bei Ulrich Tukurs Konzert im Theaterzelt bei Sommer im Park in Vellmar.

Mit Domenico Modugnos Chanson „Meraviglioso“ beschwor er erzählend und singend die düstere Stimmung eines Nachtschwärmers herauf, der ins dunkle Wasser hinunterspringen will („seine Tochter ist in die FDP eingetreten“) - bis ein Engel ihm erscheint. Im italienischen Original allerdings natürlich nicht gerade an der Fulda ...

Mit viel Jubel und stehend dargebrachtem Applaus feierten die Besucher im nahezu ausverkauften Zelt den zweistündigen Auftritt des Sängers, Musikers und Schauspielers mit seiner Band, den Rhythmus Boys.

Schlager der 20er- bis 40er-Jahre, melancholische Chansonperlen und Tanzmusik von Foxtrott bis Calypso wechselten sich ab, mit großer Lässigkeit kombinieren Tukur und Günter Märtens (Kontrabass), Ulrich Mayer (Gitarre) und Kalle Mews (Schlagzeug) anspruchsvolle Musik-Entdeckungen mit auf Witz gebürsteten Schmachtfetzen („Im Harem sitzen heulend die Eunuchen“).

Die musikalisch bestens aufgelegten Rhythmus Boys legen zudem ein paar Slapstickeinlagen vor, eine (zu lange) „Kraftakrobatik“ im Jahrmarktstil des 19. Jahrhunderts und eine wunderbare Bauchredner-Nummer, bei der der 1,59 Meter große Schlagzeuger sich wie eine Puppe auf den Schoß des 2,06 Meter-Bassisten setzt, und von ihm wie ein sprechender Kakadu bewegen lässt. Schräg.

Ulrich Tukur wirft sich mit Leidenschaft und Lässigkeit in seine Lieblingsmusik, jagt am Klavier durch die Synkopen und lässt das Akkordeon singen. Auf glattpolierte, aber damit auch austauschbare Makellosigkeit kommt es ihm dabei nicht an, einige Ton- und Text-Hänger moderiert er lässig weg. Unwichtig.

Mit seiner großen Bühnenpräsenz und im Dandylook mit zweifarbigen Schuhen verwandelt Ulrich Tukur den nüchternen Temporärbau in einen glamourösen Tanzpalast. Und manchmal auch in eine Hafenkaschemme.

Kenntnisreich moderiert er fast alle Titel an, erzählt Hintergrundgeschichten zu Komponisten und Sängern, etwa bei seiner Hommage an Revue-Star Ilse Werner („So wird’s nie wieder sein“). Er verbeugt sich vor Hans Albers mit einem melancholischen Solo („Das Nachtgespenst“) und swingt mit Rudi Schuricke. Eine eigene Hymne auf das Steinhuder Meer bekommt einen vertrackten Calypso-Rhythmus, der der niedersächsischen Tristesse krassestmöglich entgegenläuft.

Der „Tatort“-Ermittler, der zuletzt in Nordhessen im Einsatz war, baut sogar einen Schlenker auf den Edersee ins Programm, wo sein letzter Fall spielte. Deutlich maritimer wird dann der Abschluss, wo die Musiker in einer Klangcollage Möwen, Dampfer und Wellen gestalten. Langsam und erst ganz spät zu erkennen, schält sich aus dem Meeres-Getöse instrumental eine Melodie heraus. Hat man „La Paloma“ je so traurig gehört?

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.