Stipendiatin Susanne Wagner stellt in Willingshausen aus

Fragen der Haltung

Willingshausen. Eine auf den ersten Blick karge Ausstellung hat Susanne Wagner, erste Stipendiatin 2015 in Willingshausen (Schwalm-Eder-Kreis), am Ende ihres dreimonatigen Arbeitsaufenthalts im Malerdorf eingerichtet – auf Reduktion kommt es ihr an. Spricht man mit der 31-Jährigen, wird aber schnell deutlich, wie eingehend und einfühlsam sie sich mit den Traditionen der Schwalm auseinandergesetzt, wie gründlich sie ihre Präsentation durchdacht hat.

An der Wand hängen kurze Texte, wie Regieanweisungen, Fragmente eines Stücks. Es wirkt, als habe Wagner ein Bühnenbild entworfen. Da stehen drei Schuhe, die eine Dreierkonstellation oder das Sich-Drehen-im-Kreis beim Tanz symbolisieren könnten. Eigenartige Keramikobjekte, noch nicht glasiert, haben mehrere Henkel und Öffnungen, sie sind nicht „normal“.

Für Wagner sind Hierarchien und Abweichungen ein wichtiges Thema: Was, wenn man ausschert, sich Normen und Bräuchen widersetzt? Aus dem Rahmen fällt? Nicht funktioniert wie erwartet?

Das beginnt bei Kleidung und Haltung. Die Schwälmer Tracht gab exakt vor, wie man aufzutreten hatte. Reichtum wurde ebenso demonstriert wie der Familienstand. Wer trauerte, trug Schwarz. Ein Wulst um die Hüfte gab vor, wie die Röcke zu sitzen hatten, damit man angemessen, „stolz“, aussah.

Wie ist es den Schwälmerinnen ergangen, die sich „umgekleidet“ haben, sich bequemer, „städtisch“ anzogen, die aus einer Gemeinschaft ausbrachen, dieses Zeichensystem, Rituale und Regeln hinter sich gelassen haben? Und: Ist nicht mit den Konventionen auch Sicherheit verloren gegangen?

Die Achtsamkeit für die wertvollen, langlebigen Stoffe hat Wagner, die ihr Kunststudium bei Bernhard Prinz, Christian Philipp Müller und Johanna Schaffer an der Kunsthochschule Kassel absolviert hat, beeindruckt. Die Mühe und Sorgfalt, mit der die losen Bänder übereinandergelegt und mit Nadeln festgesteckt wurden. Ein riesiges Stoffband in ihrer Ausstellung erinnert daran.

Ins Bildarchiv des Malerstübchens hat sich Wagner vertieft. Früher wurden Menschen selten fotografiert. Entsprechend streng sehen die Aufnahmen aus, förmlich, ernst und repräsentativ. Kostbare Perlen und versteifte Schnupftücher werden präsentiert. Wie anders geht man heute mit Bildern um – und setzt sich doch genauso in Szene, um in sozialen Netzwerken Eindruck zu machen. Wagner konzentriert sich in ihren Vergrößerungen auf die Hände, deren Haltung so viel aussagt – und die manchmal ein Eigenleben führen.

Die gebürtige Triererin hat sich aufs Dorf eingelassen, erstmals im Chor mitgesungen: weil es auch bei der Stimme auf Haltung ankommt, um gehört zu werden. Der Ausstellungstitel „Gib mir ein A“ kommt vom Gesang. Sie hat mit einem Orthopädieschuhmacher gesprochen, der individuelle Schuhe anfertigt, sie ist dankbar für Unterstützung durch die Töpferei Erbehof. „Das Drehen auf der Töpferscheibe möchte ich gern lernen“, diesen Wunsch nimmt Wagner nun aus Willingshausen mit.

Bis 26. Juli, Merzhäuser Str. 1, Mo-Fr 14-17, Sa-So 10-12/ 14-17 Uhr, Kontakt: Tel. 06697/1418.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.