Der New Yorker Band The National gelingt endlich der Durchbruch

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Könnten bald so groß sein wie Coldplay: Sänger Matt Berninger (Mitte) und seine Bandkollegen von The National. Foto: Beggars / nh

Die Plattenfirma täte gut daran, dem neuen Album ihrer Band The National einen Warnhinweis beizulegen - so wie das Pharmakonzerne mit Packungsbeilagen für ihre Medikamente tun.

Im Internet bekannte ein Fan, dass er auf der Straße jedes Mal mit den Tränen kämpfen müsse, nachdem er „High Violet“ gehört habe. Und eine Freundin schrieb bei Facebook, dass sie die Songs nie im Dunkeln hören dürfe. „Wie soll man da je wieder glücklich werden?“, fragte sie ratlos.

„High Violet“ hat so viele Nebenwirkungen, dass selbst ein Arzt oder Apotheker davon abraten würde. Der dunkle Gitarrenrock mit Chören, Bläsern und Klavier kann einen ziemlich runterziehen, aber das fünfte Album der New Yorker ist auch eine der schönsten Pop-Veröffentlichungen dieses Jahres geworden. Ähnlich urteilten Kritiker schon über „Alligator“ (2005) und „Boxer“ (2007). In den USA hat sich das aus Ohio stammende Quintett eine treue Anhängerschaft erspielt.

Nun aber erobern The National die ganze Pop-Welt. Seit Wochen gibt es in einschlägigen Musik-Blogs kein anderes Thema als „High Violet“. Das Album stieg in Deutschland auf Platz zehn der Charts ein. Und für den Internetdienst Youtube gab die Band ein Online-Live-Konzert, das so bislang erst U2 und Alicia Keys gespielt hatten. Wenn nicht alles täuscht, werden The National bald so groß sein wie die britische Band Coldplay, die sich einst ebenfalls vom Indie-Tipp zum Stadion-Act entwickelte.

Abheben wird die Gruppe, die aus zwei Brüderpaaren und Sänger Matt Berninger besteht, wohl trotzdem nicht. Gitarrist Aaron Dessner erinnert sich immer noch daran, „dass wir jahrelang auf ranzigen Fußböden in unseren Schlafsäcken gepennt haben“, wie er in einem Interview bekannte.

In Berningers mitunter kryptischen Texten geht es nicht um die typischen Rockthemen, sondern etwa um die Zwänge von Beruf und Familie. Der 42-Jährige ist vor einem Jahr Vater geworden. In „Afraid Of Everyone“ singt er mit seiner tiefen Baritonstimme, die an Johnny Cash erinnert, von einem Vater, der mit seinem Kind auf den Schultern paranoid durch die Menge rennt und überall das Böse vermutet.

The National glauben noch an das Gute - deshalb haben sie einst auch einen Song für Barack Obama geschrieben. Von den Bush-Jahren hat Berninger jetzt noch Kopfschmerzen, gegen die selbst seine Musik nicht half. Dabei kann die auch Wunder vollbringen.

In einem ihrer älteren Songs wünschten sich The National eine Wiedervereinigung ihrer alten Lieblingsband Pavement. Wenige Zeit später starteten die Indie-Helden von einst tatsächlich ein Comeback.

The National: High Violet (4AD / Beggars Group). Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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