Euphorie auf dem Kunstmarkt nach Giacometti-Auktionsrekord

Fragil und teuer

Alberto Giacometti

Es dauerte acht Minuten, da war das Bieter-Gefecht beendet: Alberto Giacomettis Skulptur „L’Homme qui marche I“ erzielte bei Sotheby’s 65 Mio. Pfund (74 Mio. Euro). Damit ist es das teuerste Kunstwerk, das je bei einer Auktion verkauft wurde. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dem Rekord.

?Ist diese Skulptur nun das teuerste Kunstwerk aller Zeiten?

!Nein. Privat wurden Gemälde von Jackson Pollock und Gustav Klimt für mehr Geld verkauft (siehe Liste rechts).

?Warum gibt es um diesen Verkauf dann so viel Wirbel?

!Weil die Krise am Kunstmarkt wie weggeblasen schien. Die Stimmung bei der Auktion war „absolut euphorisch“, sagt eine Sotheby’s-Sprecherin. Nicht nur, dass der Schätzpreis blitzschnell um das Dreifache übertroffen wurde. Insgesamt lag die Summe bei 146,8 Mio. Pfund: Rekord für eine Sotheby’s-Auktion. Auch ein Landschaftsgemälde von Gustav Klimt lag mit 27 Mio. Pfund weit über dem Schätzwert.

?Ist die Krise mit diesen Rekorden beendet?

!Die Preise für hochwertige und seltene Werke lagen nie wirklich am Boden. Allerdings waren zuletzt nur wenige solch wichtige Werke zu haben - kein Sammler wollte sie anbieten, weil er fürchtete, dass die Kunden abwarten.

?Wer hat die Giacometti-Skulptur verkauft?

!Auf den Markt kam sie ausgerechnet durch die Bankenkrise. Die Plastik war seit 1980 im Besitz der Dresdner Bank, sie stand in deren Hochhaus. Die Kunstsammlung mit 3000 Objekten ging mit der Übernahme an die Commerzbank, die trennt sich nun von ihren Schätzen. Museen wie das Städel in Frankfurt oder die Dresdner Kunstsammlungen erhalten Werke von Warhol, Flavin oder Kirkeby. Der Erlös der Versteigerung geht über die Stiftungen der Bank ebenfalls an ausgewählte Museen.

?Und wer hat die Skulptur gekauft?

!Ein unbekannter Telefonbieter. Vielleicht setzt er nicht nur aufs Investment. Ein wahrer Liebhaber, sagte ein Sotheby’s-Sprecher, habe 40 Jahre gewartet, dass ein solches Werk auf den Markt kommt - und sei doch nicht zum Zug gekommen.

?Wa s zeichnet gerade diesen „Schreitenden Mann“ aus?

!Giacomettis Skulpturen werden als Zeichen für die entblößte menschliche Existenz, für Verletzbarkeit, Flüchtigkeit und Einsamkeit in der Moderne aufgefasst. Mit dieser Skulptur hat er sich zudem intensiv mit einem Problem auseinandergesetzt, das jeden Bildhauer beschäftigt: der Darstellung von Bewegung.

?Wo kann man Giacomettis Werke sehen?

!Beinahe in jedem großen Museum der Welt. Eine Version des „Schreitenden Mannes“ ist in der Fondation Beyeler in Basel/Riehen zu sehen. Das Duisburger Lehmbruck-Museum besitzt die größte deutsche Giacometti-Sammlung. Dort läuft bis 18. April eine Sonderausstellung zu seinem Schlüsselwerk „Die Frau auf dem Wagen“. Die muss nun prompt stärker bewacht werden: „Es gibt jetzt eine andere Begehrlichkeit im Publikum“, fürchtet Direktor Raimund Stecker.

Von Mark-Christian von Busse

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