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Vier Komponisten, kongenial vereint unter Leitung von GMD Francesco Angelico

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Er wird einmal eine Legende seiner Zunft sein: Generalmusikdirektor Francesco Angelico (am Dirigentenpult) brillierte mit seinem Staatsorchester auch beim Neujahrskonzert im Kasseler Opernhaus.
Er wird einmal eine Legende seiner Zunft sein: Generalmusikdirektor Francesco Angelico (am Dirigentenpult) brillierte mit seinem Staatsorchester auch beim Neujahrskonzert im Kasseler Opernhaus. © Andreas Fischer

Generalmusikdirektor Francesco Angelico dirigierte im umjubelten Neujahrskonzert Tänze von Brahms und Dvorák im Kasseler Opernhaus. Auch mit einem Zwischenfall im Publikum ging er souverän und menschlich um.

Kassel – Was denkt ein Dirigent, wenn hinter ihm eine Konzertbesucherin im Saal mit gesundheitlichen Problemen kämpft und der Arzt gerufen werden muss? Drei Möglichkeiten. Ich ignoriere alles und dirigiere weiter. Ich erstarre zur Salzsäule. Ganz anders hat Francesco Angelico die Situation beim Neujahrskonzert des Kasseler Staatsorchesters gemeistert. Er verließ sein Podium, ging durch den Saal zur Tür und erkundigte sich persönlich nach dem Gesundheitszustand der Dame.

Das zeigt einerseits ein Gespür für die Situation. Zudem ist es zutiefst mitmenschlich. Deshalb darf man Francesco Angelico mögen. Der Generalmusikdirektor des Staatstheaters versteht sich nicht als Stardirigent – und ist es doch.

Wer seine Körpersprache beobachtet, muss fasziniert sein. Er tänzelt wie Leonard Bernstein, er lehnt sich zurück und lauscht wie Carlos Kleiber. Das sind gewaltige Vergleiche. Dennoch: Francesco Angelico wird einmal eine Legende unter den Meistern seiner Zunft sein. Denn er hat das perfekte Gespür für die innere Dramatik der Musik.

Das haben wir schon bei seinen Dirigaten in Wagners „Ring“ gehört, nun ein scheinbar einfaches Konzert zum Jahreswechsel. Scheinbar – denn die Tänze von Dvorák und Brahms sind alles andere als leichte Kost. Dazu noch zwei Ouvertüren von Glinka und Smetana.

Toll, wenn alle Musiker auf Präzision gebürstet spielen. Das Staatsorchester Kassel agiert auf einer Bestmarke seiner jüngeren Geschichte. Die Tänze sind komplexe Meisterwerke, mal muss das Tempo angezogen werden, mal braucht es eine straffe Hand für den Einsatz. Das Opernhaus funktioniert gut, aber nicht perfekt. Selbst auf den besseren Plätzen wirken die Holzbläser etwas verloren. Das ist dynamisch nicht ideal gestaffelt. Doch der tiefere Sinn stimmt. Was für einen Schmelz Angelico seinen Streichern entlockt – dazu noch die Wucht der großen Dynamik. Alles wie mit dem scharfen Messer dirigiert.

Nach jedem Tanz, jeder Ouvertüre brandet Beifall auf. Das sind Effektstücke, wie feine Pralinen für den Kenner. Spannend auch die Gesamtkonstruktion des Abends. Dvorák und Brahms waren zwar nicht tiefe Freunde, aber doch angetan von den Kompositionen des anderen.

Auch ein legendäres Treffen in Prag soll es gegeben haben. Brahms bewunderte die Einfälle der Melodien bei Dvorák. Der wiederum verneigte sich vor der Komplexität des gebürtigen Hamburgers. Eine Beziehung auf Augenhöhe.

Doch da braucht es noch das Kongeniale. Genau hier punktet Francesco Angelico. Er kann nicht nur organisieren, er verfügt auch über die Kunst, Spannung aufzubauen – alles das, was ein Live-Event zum Happening erhöht.

Wir klatschen laut, sogar im Stehen und rhythmisch. Das erzwingt regelrecht eine Zugabe. Den bekanntesten der Ungarischen Tänze von Brahms, die Nummer fünf in g-Moll, spielt das Staatsorchester gleich doppelt – man kann nie genug davon bekommen.

Von Andreas Günther

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