Zum Auftakt des Bayreuther „Rings“

Frank Castorf zauberte ein fulminantes „Rheingold“ auf die Bühne

Szenerie des „Rheingolds“: Regisseur Frank Castorf lässt den „Ring“-Auftakt in einem texanischen Motel spielen. Foto: dpa

Bayreuth. Mit einer Bratwurst necken die drei blonden Bardamen den Gast, der in dem traurigen texanischen Motel, irgendwo an der Route 66, abgestiegen ist. Doch Alberich lässt sich von den lasziven Rheintöchtern nicht veralbern.

Unter dem Pool sprudelt noch etwas anderes als Badewasser: Öl. Und darauf hat es der schräge Typ abgesehen. Gold und Macht statt Sex und Liebe, das ist der Deal, der Richard Wagners Opernvierteiler „Der Ring des Nibelungen“ in Fahrt bringt.

Mit viel Skepsis ist der „Erdöl-Ring“ erwartet worden, den der Berliner Volksbühnenchef Frank Castorf (62) in Bayreuth zum 200. Geburtstag des Komponisten auf die Bühne des Festspielhauses bringt. Der Auftakt mit „Rheingold“ aber hat die Zuschauer geradezu überwältigt - einige obligatorische Buhs abgerechnet. Denn Castorf zeigt jenseits aller Erdölboom-Historie, was den Kern von Wagners Drama ausmacht: Das menschliche Streben nach Macht und Liebe, dem (fast) jedes Mittel recht ist - das Spiel von Bündnis und Verrat.

Auf engstem Raum und gar nicht vornehm lässt Castorf die Akteure aufeinanderprallen. Mal im Motel, mal an dessen Rückseite, einer Tankstelle (Bühne: Aleksandar Denic), treiben sie ihr Spiel: Die mafiosen Halbwelt-Götter mit Frauenaufreißer Wotan an der Spitze, die kleinkriminellen Riesen, die Nibelungen-Außenseiter Alberich und Mime und die Rotlicht-Rheintöchter.

Dreimal lässt Wagner im „Rheingold“ das Edelmetall den Besitzer wechseln: Alberich raubt es den Rheintöchtern, Wotan erpresst es als Lösegeld von Alberich, und er muss damit Freia aus der Gewalt der Riesen freikaufen.

Castorf verdichtet die Handlung weiter, indem er die Szenen nicht einfach aneinanderreiht, sondern ineinanderfließen lässt. Auch Wagner lässt ja mit seiner Leitmotivtechnik die Musik immer wieder voraus- und zurückblicken.

So verschwindet die Mahnerin Erda nach einem grandiosen Auftritt als Puffmutter im weißen Pelz (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) nicht einfach, wie bei Wagner vorgesehen. Vielmehr verführt Wotan, während sich die Riesen ums Gold streiten, die attraktive Göttin im Bad. Immerhin wird er ja bis zur „Walküre“ neun Töchter mit ihr gezeugt haben.

Dass die Sänger zugleich in Video-Großaufnahmen zu sehen sind, verleiht der Oper beinahe filmisches Format (Video: Andreas Einert, Jens Krull). Auch den magischen Moment der Verwandlung Alberichs in eine Kröte zeigt Castorf als Filmtrick -samt ironischer Botschaft: Der Underdog ist zu blöd, um mit Macht und Reichtum umzugehen.

Castorf hat auch bei Wagner genau hingehört: Wenn die rohen Riesen mit ihren Baseballschlägern die Bar abräumen, wird ihr bedrohlich polterndes Orchestermotiv stimmig in Handlung übersetzt.

Bei so viel prallem Theater ist das aus übertriebener Sorge um die Sänger sehr zurückgenommene und etwas atemlose Dirigat Kirill Petrenkos zu brav. Zwar ist alles klanglich perfekt ausbalanciert, doch der (heftig gefeierte) Dirigent sollte es ruhig auch mal krachen lassen.

Unter den Sängern ließen im ersten Teil besonders Martin Winkler als Alberich, Nadine Weissmann als Erda, Elisabet Strid als Freia, Norbert Ernst als Loge sowie die drei Rheintöchter aufhorchen.

Von Werner Fritsch

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