Frank Castorfs trashiger „Siegfried“

Rast auf Bierbänken, Besuch vom Krokodil: Catherine Foster und Stefan Vinke als Brünnhilde und Siegfried unter der Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz. Foto: Nawrath

Bayreuth. „Wie Wunder tönt, was wonnig du singst, doch dunkel dünkt mich der Sinn“, singt Siegfried im Liebesduett mit Brünnhilde. Und genau dieses Dunkle in allem Jubel ist es, das Dirigent Kirill Petrenko musikalisch besonders herausarbeitet.

In dem Moment, als Siegfried die schlafende Brünnhilde erblickt, ist der Orchesterklang noch gleißend und hart wie Diamant, doch in der Begegnung der beiden trübt sich der Glanz leicht ins Fahle.

Es war eine Aufführung voller harter Kontraste, die am Donnerstag im Bayreuther Festspielhaus auch mit einigen Buhrufen quittiert wurde, die wohl der Regie galten. Sänger und Dirigent wurden jedenfalls erneut euphorisch und mit Fußtrampeln gefeiert. Richard Wagners Oper „Siegfried“ präsentiert sich als Teil des „Ring des Nibelungen“ in Frank Castorfs Inszenierung voller trashiger Elemente, die eine möglichst große ironische Fallhöhe zur hehren Heldensaga erzeugen sollen.

Allen voran die mechanischen Krokodile mit ihren Klappmäulern, die am Ende über die Szenerie am Berliner Alexanderplatz wackeln – und sich im Vergleich zum Vorjahr erneut vermehrt haben. Zwei große und zwei kleine Tiere sind unterwegs zu jenem Imbissstand, an dem sich Brünnhilde und Siegfried auf Bierbänken ermattet niedergelassen haben: Sind diese Helden in unserer Welt womöglich auch solche Urviecher?

Dazu kommen die explizit sexuelle Begegnung Siegfrieds mit dem Waldvogel (Mirella Hagen) an einem überquellenden Mülleimer, Wotans Augen-Makeup wie aus dem Film „Uhrwerk Orange“, das Töten des Riesen Fafner (Andreas Hörl) per schnöder Gewehrsalve oder Siegfrieds prolliger Look mit fetter Goldkette.

Unter solchen Trash-Elementen läuft ein Subtext, der Castorfs Lesart der Nibelungen-Saga als Scheitern von Gesellschaftsidealen weiterführt. Teils spielt „Siegfried“ auf dem Alexanderplatz zu DDR-Zeiten, die andere Drehbühnenhälfte von Aleksandar Denic zeigt eine Felswand, in der die sozialistischen Helden Marx, Lenin, Stalin und Mao eingemeißelt sind – hier scheiternde Praxis, dort steinerne Theorie des Sozialismus. Das Erdölmotiv der ersten „Ring“-Teile, in das die Jagd der Vorlage nach dem Nibelungengold überführt wurde, ist hier noch in der Leuchtschrift einer DDR-„Minol“-Tankstelle sichtbar. Zwischen den Welten wird (zu) häufig und nicht immer einleuchtend gewechselt.

Stefan Vinke führt sich als neubesetzter Siegfried mit weichem Tenor und großen Kraftreserven bestens ein, auch wenn Petrenko es ihm mit heftigen Tempowechseln im Schmiedelied anfangs nicht leicht macht. Catherine Foster bezaubert erneut als Brünnhilde mit dunkelgoldenem Sopran und großer textlicher Klarheit. Als neuer Mime bekam Andreas Conrad viel Jubel für eine stimmschöne und charakterstarke Darstellung, die im ersten Aufzug aber etwas überzeichnet war.

Zu den szenischen Höhepunkten gehört die tieftraurige Begegnung zwischen Wotan und Erda bei Spaghetti und Rotwein, die Wolfgang Koch und Nadine Weissmann gestalten wie ein Ex-Liebespaar, das immer noch nicht die Finger voneinander lassen kann, auch wenn es weiß, dass es einander nicht guttut.

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