Jazzmusikerin Esperanza Spalding eröffnete die Kasseler Kulturzeltsaison mit anspruchsvollem Programm

Frau plus Bass gleich Liebe

Zierliche Instrumentenbändigerin: Esperanza Spalding im Kasseler Kulturzelt. Foto:  Koch

Kassel. Wenn sie sich selbst etwas Gutes tun möchte, antwortete Esperanza Spalding kürzlich im Fragebogen einer amerikanischen Frauenzeitschrift, schaut sie acht Stunden lang Woody-Allen-Filme an. Dass der dabei entstehende Geisteszustand höchst kreativ und innovativ ist, bewies die 25-jährige Jazz-Kontrabassistin und -Sängerin am Donnerstag im ausverkauften Eröffnungskonzert der Kasseler Kulturzeltsaison.

Woody Allens Filme sind vom endlosen Beziehungssprech seiner Figuren gesprägt, die pointiert und vertrackt die Liebe und andere Verhängnisse erörtern. Esperanza Spalding führt genau solche Dialoge mit ihrem Instrument: verliebt oder wütend, nachgiebig oder beharrend.

Hat sich die erste Verblüffung im Zelt gelegt, wenn die zierliche Musikerin auf der Bühne ihr sie überragendes Instrument in den Arm nimmt, spürt man sofort diesen innigen Austausch, erzeugt mit ihren versierten Händen und mit ihrem großen musikalischen Talent.

Esperanza Spalding sagt einen Song an - und plötzlich fällt ihr eigener Bass ihr ins Wort. Sie umschmeichelt das Instrument mit weichem Scatgesang - es poltert dumpf zurück. Dann beginnt der Bass eine Phrase - sie ergänzt sie singend. Frau plus Instrument gleich Liebesgeschichte. Fast wie bei Woody Allen.

Mit Ringelpulli und schwindel-hohen Absätzen beherrscht Esperanza Spalding die Bühne. Trotzdem lässt sie ihrem kongenialen, jungen Trio aus Leo Genovese (Piano), Ricardo Vogt (Gitarre) und Dana Hawkins (Schlagzeug) ausreichend Raum für Soli, für mehr als solide Begleitung. Rasende Läufe, himmelhochjauchzende Soloausbrüche, gewagte Tonhöhensprünge. Geschmeidige Nebenbeimusik ist das nicht, aber virtuos, stimmungsvoll, vielfältig.

Instrumentale und gesungene Stücke wechseln. Esperanza moduliert im wortlosen Scatgesang, begleitet sich selbst, singt in mehreren Sprachen, etwa auf Portugiesisch das zauberhaft-verträumte „Ponta de Areia“ , wo der aufsteigende Basslauf sich immer und immer wiederholt, wie nach Erlösung lechzend - oder wenigstens nach Abkühlung. Bis sie mitten im Stück das Instrument wechselt und mit dem E-Bass weiterspielt. Da wird ihr Jazz kurz ganz funky.

Man muss nur das Herz überreden, direkt zu uns zu sprechen, sagt Esperanza Spalding, dabei helfe die Musik. Selbst komponierte Stücke, etwa das brandneue „Cinnamon Tree“, das sie noch nicht oft öffentlich gespielt hat, stehen neben Interpretationen bekannter Werke, etwa Wayne Shorters „Endangered Species“- ein Höhepunkt des knapp zweistündigen Abends, wo das Publikum sich schließlich sogar traute, in die Gesangsbegleitung der feingliedrigen Instrumentenbändigerin einzusteigen. Eine Publikumsbändigerin ist sie auch.

Heute im Kulturzelt an der Drahtbrücke: Music Maker, 19.30 Uhr. Karten: 0561-203204.

Von Bettina Fraschke

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