Die Sucht nach Leben: Sebastian Schug inszeniert Frank am Schauspielhaus

Frauenmacht, Männerfantasien - Wedekinds „Lulu“ in Kassel

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Mit Spuren von Zartheit und Verletzlichkeit: Die grandiose Agnes Mann als Lulu in der Kasseler Inszenierung des gleichnamigen Wedekind-Stücks.

Kassel. Sein Begehren ist ein Überfall. Zappelnd, schreiend jagt der Maler Schwarz Lulu durch den Raum, hetzt sie unter den Tisch, zum Schluss liegt sie auf ihm. Zwei erschöpfte Kinder, ein Rausch. Er sagt „Ich liebe dich“, sie antwortet erstaunt ein kleines „Oh“, als hätte sie es nicht herausgefordert.

Und doch: Lulu hat gelernt, sich zu spüren im Augenblick des Begehrens. Sie lebt für diesen Moment, lustvoll, sinnlich, großartig.

Wie spielt man ein solches Stück heute, das sein Autor Frank Wedekind (1864-1918) selbst eine „Monstretragödie“ genannt hat? Denn „Lulu“, die in Kassel von Sebastian Schug in der um 1900 entstandenen Urfassung inszeniert wird, ist ja reine Fantasie, pures Verlangen, an dem die Männer schließlich zugrunde gehen. Aber die Zeiten der männervernichtenden Femme fatale sind längst vorbei, Sex und Pornografie Konsumware. Doch die Sucht nach Leben bleibt.

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Die offene, schwarze Bühne (Christian Kiehl) ist mit Sideboards und Vorhängen eingerahmt: Das Ensemble ist zunächst als Beobachter anwesend. So wird der Blick von außen geschärft, ein Kunstgriff, den Schug auch verwendet, wenn er das Sterben der Männer, den Tod des Malers (Alexander Weise als liebessehnsüchtiger Romantiker) und von Dr. Schöning (hörig und zerrissen in seiner Abhängigkeit von Lulu: Bernd Hölscher) wie Gruselszenen aus dem Panoptikum inszeniert. Rot fließt das Kunstblut, schließlich singt der tote Schwarz zur Musikbegleitung (Johannes Winde) ein Maffay-Lied: „Wenn du gehst, geht auch ein Teil von mir“. Begeisterung, Mitklatschzeit.

Die „Lulu“ in Kassel kreist mal wild, mal grotesk, vor allem aber schnell um das Leben, die Lust und die Gewaltbereitschaft in der Sexualität. Agnes Mann spielt diese Lulu ganz heutig, eine Frau, die sich nimmt, was sie will. Halbnackt, mal mit Body, mal mit Hemdchen (Kostüme: Nicole Zielke) bekleidet, stöckelt sie durch die Szene: eine Tour de force, in der sie die Männer anspringt wie ein Raubtier, ihnen ihren Stempel aufdrückt. Grandios, wie Agnes Mann vibriert, wie sie in der kurzen Spanne zwischen männlicher Erregung und Ernüchterung ihr Leben immer wieder aufheizt. Und wie sie doch immer wieder Spuren von Zartheit und Verletztheit durchblitzen lässt.

Doch nach der Pause, mit Lulus Flucht nach Paris und ihrem jämmerlichen Ende als Prostituierte in London, kann auch diese herausragende Agnes Mann das Stück nicht vor dem Auseinanderfallen bewahren. Auf der Bühne wird getobt, geschrien, getötet, die Paris-Sequenz verflackert im Belanglosen. Selbst stillere Momente (Matthias Fuchs als zwangsneurotischer Freier) oder verstörende Szenen wie die tödliche Obsession der lesbischen Gräfin Geschwitz (Eva-Maria Sommersberg spielt sie zwischen Hysterie und Wahnsinn) geben dem Stück seine Dichte nicht zurück. Es zeigt sich die Schwäche des Textes, ein paar Striche hätten dem Stück über Männerfantasien und Frauenmacht gutgetan. Zum Schluss, nach über drei Stunden, stürmischer Applaus für das elfköpfige Ensemble und Agnes Mann.

Wieder am 1., 8., 12., 21. 12., Karten: Tel. 0561/1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Von Juliane Sattler

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