Ausstellung „Schöne Grüße Thomas Schütte“ zeigt Grafiken des documenta-Künstlers

Der Frauenversteher

In sich gekehrte Haltung: Thomas Schüttes Kaltnadelradierung „Gisela“. Fotos: Me Collectors Room / nh

Berlin. Thomas Schütte ist derzeit omnipräsent. Es gibt Ausstellungen in Essen, Mainz, Basel/Riehen und Luzern. In Berlin ist der Bildhauer vor allem als Grafiker zu erleben.

Seine Werke beflügeln die Sammler. Neben Nicolas Berggruen und Friedrich Christian Flick auch den Essener Arzt und Chemiker Thomas Olbricht. Der Sammler bringt nach Berlin etwa die „Ganz großen Geister“ mit. Sie stehen sonst auf dem Vorplatz der Essener Philharmonie. Schütte ließ die Bronzeskulpturen 2004 im Auftrag Olbrichts noch einmal gießen. Im Me Collectors Room breitet der nun seine Schätze aus.

Mit über 200 Grafiken von den 80er-Jahren bis heute lernt man eine weniger bekannte Seite des mehrfachen documenta-Teilnehmers (1987, 1992 und 1997) kennen. Seit rund 30 Jahren steuert der Experimentierfreudige auf Erfolgskurs. Architekturmodelle, Installationen, Fotos, Grafiken, Gemälde, Keramiken, Zeichnungen und Skulpturen bezeugen seine Vielseitigkeit. Der 58-Jährige wählt unterschiedliche Materialien, aber auch eine Vielfalt von Gesten und damit die Psychologisierung seiner Figuren. Kleine „Wichte“ und „Große Geister“ sind sein Markenzeichen.

Mit den Damen geht er charmant um. „Gisela“ etwa erscheint in einer virtuosen Kaltnadelradierung sehr individuell charakterisiert als ein bisschen zögerlich und in sich gekehrte Person. Die Radierung der „Frau Nr. 1“ offenbart hingegen keinen Einblick in ihr Wesen, sondern dralle Schenkel. Nicht nur in dieser Darstellung sitzt jeder Strich.

Die Grafiken sind eine Entdeckung! Es handelt sich keineswegs um sekundäre Werke, sondern vielmehr gehen Schüttes Motive auch in die Druckwerke ein. Dort nehmen sie selbstständige Formen an.

„Einfach machen, mit der Hand und dem Körper – der sagt dann, wann es gut ist“, so der Künstler. Ein Bekenntnis zum Handwerk im digitalen Zeitalter. „Nach Videobildchen und Dunkelkammer breche ich ab… Ich gehe sofort weg, weil die Virtualität mich nicht interessiert. Ich glaube, dass ein Kratzer in einer Kupferplatte und ein Fingerabdruck im Ton oder verbranntes Styropor einfach toll sind.“

Was Schütte interessiert, ist „Handschrift, Finger, Körper, etwas Eigenes“. Nicht ohne Humor erscheinen dabei seine prägnanten Werke. Eine Skulptur, die Yoga zu praktizieren scheint, beispielsweise. Die „Bronzefrau III“ (1998) hat ihren Körper so gefaltet, dass sie aussieht wie ein Frosch auf der Startrampe. Es geht also unterhaltsam zu in der Schau „Schöne Grüße Thomas Schütte“, die einen Zeitraum von 30 Jahren durchmisst.

Me Collectors Room, Auguststr. 68, bis 23. März.

Von Andrea Hilgenstock

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