Free Jazz im tif: Fünf profilierte Kasseler Musiker im Quintett

Radikal, wild und dynamisch: (von links) Ursel Schlicht, Berthold Mayrhofer, Matthias Schubert, Martin Speicher und Detlef Landeck boten einen besonderen Free-Jazz-Abend. Foto: Fischer

Kassel. Mit den Worten „Danke, dass Sie geblieben sind“ hieß Matthias Schubert die Gäste nach der Pause erneut willkommen. Und warum auch nicht? Ein Konzert wie dieses erlebt man schließlich nicht alle Tage.

Fünf ausgeprägte Individualisten der Kasseler Jazz-Szene hatten sich zu einem Quintett zusammengefunden, und viele waren am Mittwoch ins tif gekommen, um das absehbar großartige Konzert mit Free Jazz, freier Improvisation und experimenteller Neuer Musik zu erleben.

Hier die Bläsersektion mit Matthias Schubert (Tenorsaxofon), Martin Speicher (Altsaxofon, Klarinette) und Detlef Landeck (Posaune), dort Berthold Mayrhofer am Kontrabass und Ursel Schlicht am Klavier. Die Musik des Quintetts war nicht bequem, nicht kuschelig, man hörte nichts, wo sich die Ohren hätten anschmiegen können, wo der Schmalz geflossen wäre und man sich träumerisch hätte zurücklehnen können.

Kratzbürstig war’s, laut, expressiv und radikal, wild und dynamisch, also niemals langweilig. Landeck und Speicher und noch viel mehr Schubert holten alles aus ihren Instrumenten heraus, unerhörte Töne, Sprotz-, Spuck-, Schnalz- und Windgeräusche. Nichts war vorhersehbar, überall lagen Überraschungen in der Luft des tif.

Dass ein Schlagzeuger fehlte, war keine Absage, sondern eine Ansage: Der Verzicht auf feste rhythmische Strukturen eröffnet ja auch viele musikalische Möglichkeiten. Und plötzlich, nach einer halben Stunde kollektiven Improvisierens, begann es trotzdem sanft zu swingen und man gewärtigte Melodisches. Aber nicht zu lange, niemand sollte eingelullt werden und die Achterbahnfahrt begann aufs Neue.

Free Jazz mit Humor? Allerdings! Irving Berlins für Fred Astaire und Ginger Rogers geschriebenes „Cheek to Cheek“ wurde seziert und mit Vogelgeräuschen untermalt. So wurde der Broadway-Klassiker ein „Helmut Lachenmann für Arme“. Damit spielte Schubert auf den Avantgarde-Komponisten und Schönklang-Verweigerer an. Das Publikum bekam eine Zugabe, die deutlich länger ausfiel als angekündigt.

Von Andreas Gebhardt

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