Flucht nach Berlin

Chinesischer Autor Liao Yiwu in Freiheit

Liao Yiwu Foto: dpa

Jetzt ist alles in Ordnung, jetzt bin ich in Berlin“, sagte der chinesische Autor Liao Yiwu am Telefon der Nachrichtenagentur dpa. Der Schriftsteller hat die chinesischen Behörden getäuscht und so seine Ausreise in den Westen ermöglicht: „Ich suche die Freiheit, schreiben und veröffentlichen zu können.“

Liao hatte sich zum Schein auf einen Deal eingelassen. Er war massivem Druck ausgesetzt, ein geplantes Buch über seine vierjährige Haft nach der gewaltsamen Auflösung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 nicht im Ausland zu veröffentlichen. Er stimmte dem Publikationsverbot zu, durfte ausreisen - will aber jetzt im Ausland bleiben.

Liaos Buch „Für ein Lied und hundert Lieder". Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ soll am 21. Juli im S. Fischer-Verlag erscheinen. Zweimal war dem 1958 in Sichuan geborenen, mehrfach mit Ausreiseverboten belegten Schriftsteller das Manuskript beschlagnahmt worden, zehn Jahre arbeitete er an den Erinnerungen an Inhaftierung und Folter, die - wie Liao sagt - gleichzeitig eine „Enzyklopädie chinesischer Gefängnisse“ darstellen.

Chronist der Außenseiter

Ins Visier der Staatsmacht war Liao wegen des Gedichts „Massaker“ über die Ereignisse auf dem Tianmen-Platz gekommen. „Ich bin nur ein Autor. Ich bin ein Handwerker der menschlichen Erinnerung“, sagt er. Auch sein Werk „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten“ (2009 bei Fischer) ist in China verboten. Die 544-seitige Sammlung von Gesprächen lässt manche Außenseiter zu Wort kommen, die es gar nicht geben dürfte: Prostituierte, Obdachlose, Menschenhändler, Totengräber oder desillusionierte Funktionäre.

Die Ausreise Liaos, der auch mit Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo befreundet ist, ist nach der Festnahme des Künstlers Ai Weiwei ein weiteres deprimierendes Signal für die Menschenrechtslage in China. Tausende verschwanden zuletzt in Haft oder Hausarrest: Liao nennt die Lage so angespannt wie nie seit 1989: „Für jeden Intellektuellen ist es ein Alptraum.“

Liao will unbedingt nach China zurückkehren - sobald der „Stillstand“ in Bewegung gerät. Zunächst wird er Texte in Taiwan und den USA veröffentlichen, 2012 ein Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes antreten. Er schreibe, um das Gefühl loszuwerden, eingesperrt zu sein. Die geistige Welt seiner Heimat trage er bei sich: „Mein Land ist in meinem Rucksack.“ (mit dpa/dapd)

Von Mark-Christian von Busse

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