Freiheit ist nur eine Illusion: Wunderbare Choreografien am Staatstheater

Furiose Bewegungen und poetische Bilder: Annamari Keskinen und Ryan Mason in „sie alle werden anfangen zu weinen. alle“ (links). Lillian Stillwell in „Giving birth to a thousand years of sorrow“. Fotos: Klinger

Kassel. Die Zwei. Rebellen im Kreis der Uniformierten. Mit Charisma, Gitarre und Rockgesang stellen sich Ryan Mason und Eva Mohn gegen den Rest.

Wild sind sie und manchmal ganz still an diesem Ort der Begrenzungen. Eine aufsteigende Rampe im Holzdesign, Rutsche und Kletterwand zugleich, dominiert die Bühne. Davor zwei Grenzwärterhäuschen. Ein Ort in Europa. Vielleicht endet hier die Freiheit, vielleicht liegt sie hinter der Rampe.

Im zweiteiligen Abend „breitengrad“ im Schauspielhaus überrascht der Kasseler Tanztheaterchef Johannes Wieland mit seiner Auftaktarbeit: mitreißend, dynamisch, und vor allem tänzerisch wie selten in der letzten Zeit. Ryan und Mohn (mit blonder Perücke) tragen sexy Kleidung, die anderen sind in die holzfarbenen Uniformen des Ortes gehüllt (Kostüme: Stefanie Krimmel). Wer die Grenze verinnerlicht, hat schon verloren.

Zum sinnlichen Balkansound wird die Rampe (Bühne: Stephanie Burger) zur Herausforderung: Hochlaufen und herunterrutschen, Schritt für Schritt auf der glatten Wand die Waagrechte versuchen. Tanz ist hier auch Akrobatik, und dann schieben sich immer wieder die stilleren Szenen dazwischen: Neuzugang Ciacomo Corvaia, eine wunderbare Bereicherung, gibt im Solo mit geschmeidigen Drehbewegungen den paradiesischen Vogel.

Schließlich haben auch die uniformierten Grenzmenschen ihre Kleider auf die Leine gehängt, erproben vor einem imaginären Spiegel ihr neues Ich und tanzen wie ekstatisch einen rockigen Freiheitstanz. Ja, vielleicht schaffen sie es. Auch wenn zum Schluss ein Mädchen weint.

Das für den zweiten Teil der Uraufführung aus Athen eingeladene Choreografenpaar, der Kroate Jozef Frucek und die Griechin Evangelia Kapetanea, setzt nach der Pause ein archaisches Bild voller kraftvoller Bewegungen auf die Bühne. Zwischen Palettenstapeln und Hammer-Wurfgeräten endet die Illusion der Freiheit in der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

Da wird die Zweisamkeit zum Zweikampf, wenn Ryan Mason Tänzerin Annemarie Kesginen im Tanz zärtlich zu sich heranzieht und dann mit einem wütenden Aufschrei durch die Luft auf die Matte schleudert. Eva Mohn scheint unter der Bürde eines hinter sich herzerrenden Wagens voller Gewichte ihre Mitte zu verlieren, Lillian Stillwell wird von einem Strauß schwarzer Luftballons zu Boden gedrückt. Zum Schluss verwandelt sich Elisabetta Lauro im schwarzen Bikini zu einer von goldenem (Getreide-)Staub umregneten Installation der Stille.

Frucek und die Griechin Evangelia Kapetanea schaffen poetische Bilder zwischen Schwere und Leichtigkeit und thematisieren die Verwerfungen von Freiheit in unserer postmodernen Gesellschaft. Stürmischer Applaus für einen spannenden Tanztheaterabend im fast ausverkauften Schauspielhaus. Man wünscht ihm viele Besucher.

Auch am 16. und 19.12 im Kasseler Schauspielhaus, Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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