Vom Nachbau der Freiheitsstatue geht eine große Faszination aus

Danh Vo in der Kunsthalle Fridericianum: Die Freiheit liegt am Boden

Zwei Millimeter dünn: Danh Vo mit dem Fuß der Fackel, die die „Miss Liberty“ in der Hand hält. Fotos:  Schoelzchen

Kassel. Die Wanderung durchs Obergeschoss des Fridericianums ist wunderbar. Die Fenster sind zum ersten Mal seit langem nicht verhüllt, die Einzelteile der Replik der New Yorker Freiheitsstatue, die der dänische Künstler Danh Vo nahe Schanghai hat anfertigen lassen, glänzen in der Sonne.

„Diese Ausstellung ist künstlerischer als alle anderen, die ich bisher gemacht habe“, sagt der Leiter der Kasseler Kunsthalle, Rein Wolfs. Tatsächlich lassen die fast 100 zerstreuten Fragmente aus zwei Millimeter dünnem Kupfer an Skulpturen denken: Es sieht aus, als habe ein Bildhauer-Riese den perfekten Faltenwurf ausprobieren wollen. Ein uraltes Thema der Kunstgeschichte.

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Wolfs hat zum Ende seiner ersten, vierjährigen „Spielzeit“ - am Jahresende übergibt er sein Haus der documenta 13 - ein kräftiges Ausrufezeichen gesetzt. Ein Drittel der Replik wurde rechzeitig fertig, finanziert über Galerien, die die Teile verkaufen. Die fehlenden 20 Tonnen Kupferplatten hat eine Bielefelder Firma als symbolische Platzhalter bereitgestellt. Allein der Materialwert beträgt über 300 000 Euro.

2013 soll die Nachbildung vollständig (ebenfalls als einzelne Elemente) in Paris gezeigt werden - die 46 Meter hohe Figur der Libertas, der Göttin der Freiheit, war ein Geschenk der Franzosen zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten.

Die Ausstellung mit dem Titel „JULY, IV, MDCCLXXVI“- das Datum der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung steht auf der Tafel im linken Arm - offenbart vielschichtige, faszinierende Bezüge und Bedeutungsebenen. Sie wirft Fragen auf nach dem Zustand der Freiheit in den USA und weltweit, nach der globalisierten Wirtschaft, nach Original und Kopie (Herstellung in China!), nach Fortschritt, Extremismus und Zuwanderung. Gezeigt wird sie im 1779 als Haus der Aufklärung eingeweihten Fridericianum, dessen Bauherr Friedrich II. am Verkauf von Soldaten an die britische Krone verdiente, die in Übersee gegen die Unabhängigkeit kämpften.

Fotos: Freiheitsstatue im Fridericianum

Neue Ausstellung: Freiheitsstatue im Fridericianum

Die vor 125 Jahren, am 28. Oktober 1886, eingeweihte „Miss Liberty“, die Einwanderer als ersten Boten der Neuen Welt sahen, steht wie kein zweites Symbol für die Hoffnung der Müden, der Armen, der „geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen“, wie Emma Lazarus dichtete. Danh Vo jedoch nennt sie eine „vergewaltigte, verstümmelte, verschandelte Ikone“. Nun könnte man die Replik mit dem Titel „We the people“ (nach den ersten drei Worten der Präambel der Verfassung) aufs Neue zusammenbauen, sozusagen von vorn anfangen.

Bis 31.12., Mi-So 11-18 Uhr. Eintritt: 5 (3) Euro. Tel. 0561/ 7072720, www.fridericianum-kassel.de Sonntags, 15 Uhr, Führungen. 14-tägig mittwochs Ausstellungsgespräche, am 19.10., 15 Uhr: „Was soll das - ein großer Zeh im 1. OG?“

Von Mark-Christian von Busse

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