Frei.Wild im Interview: „Wir wurden medial geschlachtet“

Sie sind die Südtiroler Band Frei.wild: Jochen Gargitter (von links), Christian Fohrer, Jonas Notdurfter und Philipp Burger. Foto: Breucker

Frei.Wild sind die umstrittenste deutschsprachige Rockband und stehen mit ihrem neuen Album ganz oben in den Charts. Im Interview wehrt sich Sänger Philipp Burger gegen Kritiker.

Mit dem neuen Album „Opposition“ ist die Südtiroler Rockband Frei.wild endgültig Mainstream geworden. Die CD, die nach einer Mischung aus den Toten Hosen und den Böhsen Onkelz klingt, steht auf Rang eins der Charts. Manche werfen dem Quartett immer noch eine Nähe zu rechtsextremem Gedankengut vor. Darüber sprachen wir mit Sänger und Texter Philipp Burger (34). 

Auf dem neuen Album sucht man vergeblich Textstellen, die ausländerfeindlich oder geschichtsrevisionistisch sind. Sind Frei.Wild gar nicht die Rechtsrockband, als die sie alle bezeichnen?

Philipp Burger: Wenn wir das wären, hätte man schon lang etwas gefunden, das man uns juristisch an den Kopf knallen kann. Bei uns wird man aber nichts finden. Das ist definitiv nicht die Geschichte, die wir gutheißen. Im Gegenteil: Die Songs warnen explizit davor.

Und trotzdem gibt es dort, wo Sie auftreten, immer Debatten wie zuletzt in München: Politiker von den Grünen forderten, eine Band, die sich nicht eindeutig vom rechtsradikalen Gedankengut distanziert habe, dürfe nicht auftreten. 

Burger: Die Leute, die solche Absagen fordern, kämpfen sonst für Toleranz und Meinungsfreiheit. Wie passt das zusammen? Bislang wurde noch kein Frei.Wild-Konzert abgesagt. Aus gutem Grund: Unsere Lieder sind nah am Leben und scheinen unfassbar vielen Menschen gutzutun. Wir machen keine andere Art von Musik als die meisten anderen auch. Das einzige Problem ist, dass viele Menschen in fünf von dreihundert Liedern eine Deutschtümelei vermuten. Wir sagen: Kommt zu unseren Konzerten und macht euch selbst ein Bild.

Andere Bands wie Jupiter Jones und der Buchautor Thomas Kuban werfen Ihnen „Nationalismus und Anti-Antifaschismus“ vor. Spinnen die? 

Burger: Viele verorten uns dort, wo wir nicht sind. Im Internet gibt es unzählige Seiten, wo Leute schreiben, was andere über uns berichtet haben. Aber niemand wird konkret. Die Band wurde medial geschlachtet. Würde ich das lesen, würde ich auch nicht mit so einer Band auf einem Festival spielen wollen. Jeder fühlt sich berufen, etwas Kritisches über uns zu sagen, damit er nicht in Verdacht gerät, Rechtsradikalismus gutzuheißen. Mittlerweile entspannt es sich. Peter Maffay arbeitet zum Beispiel mit uns.

Sie waren einst Mitglied der Skinhead-Gruppe Kaiserjäger. Haben Sie nicht auch selbst Fehler gemacht? 

Burger: Wer kann denn sagen, dass er in seinem Leben keinen Fehler gemacht hat? Ich würde sehr viel dafür geben, wenn ich die Zeit zwischen 15 und 18 auf dem Fußballplatz verbracht und den ganzen Scheiß nicht mitgemacht hätte. Aber es ist umso besser, wenn jemand mit 18 erkennt, dass er auf dem Holzweg ist und auch andere Leute rauszieht aus der Geschichte. Viele sind erst durch Frei.wild aus der Szene rausgekommen.

Jeder Mensch kann sich ändern. Aber es ist nicht lange her, da haben Sie in „Für immer Anker und Flügel“ gesungen: „Sturm brich los.“ Das waren die Worte aus der Sportpalastrede von Joseph Goebbels. 

Burger: Das ist obermäßig scheiße gelaufen. Als ich von einem Journalisten darauf angesprochen wurde, dachte ich, dass das nicht wahr sein kann. Ich wäre der Letzte, der so etwas machen würde - gerade mit meiner Vita. Meiner Ansicht nach wissen 99,9 Prozent der Deutschen nicht, dass das Arschloch Goebbels den Satz gesagt hat. Später habe ich erfahren, dass der Satz nicht von Goebbels stammt, sondern schon in der Bibel vorkommt.

Ein NPD-Funktionär sagte: „Die Band ist zumindest zu 80 Prozent auf unserer Linie.“ Wie sehr stört Sie solch ein Lob? 

Burger: Das ist furchtbar. Aber es ist auch traurig, dass Medien so eine Oberpfeife zitieren, weil sie wissen, dass man mit Rechtsradikalismus und Frei.wild Klicks bekommt. Das ist zum Kotzen. Wenn herauskommt, dass ein Selbstmordattentäter Fußballfan des FC Bayern war, geht auch keiner zu Uli Hoeneß und sagt: „Das war euer Fan.“

Das Lied „Ich bin neu, ich fang an“ erzählt von einem Menschen, der seine Heimat verlassen muss und in der Fremde neu anfängt. Wie wichtig ist Ihnen Heimat? 

Burger: Wenn ich an Heimat denke, habe ich viele Bilder vor Augen: Familie, Freunde, meine Schulzeit, Bräuche, meine Zeit als Ministrant. All das fasse ich in dem Begriff zusammen, der positiv ist und niemanden ausgrenzt. Weil wir Deutsch sprechen, ist das ein Riesenproblem, aber bei zig anderen Völkern und Indianerstämmen gilt das als schützenswert. Das ist ein Witz.

„Opposition“ ist bei Rookies & Kings erschienen.

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