Frei.Wild: Die neuen Onkelz

Singen von „wahren Werten“: Philipp Burger (vorn) und seine Band-Kollegen von Frei.Wild. Foto: spv

Ende Oktober setzte sich die umstrittenste Figur der deutschsprachigen Rockszene vor einer atemberaubenden Alpenkulisse auf eine Wiese und sprach „klare Worte“.

So heißt das Youtube-Video, in dem der Sänger Philipp Burger beteuert, dass seine Band Frei.Wild „zu 100 Prozent lebensbejahende und aufbauende Songs“ mache.

Seine Fans glauben ihm das. Das Quartett aus Brixen hat es mit seinem Album „Feinde deiner Feinde“ bis auf Rang zwei der deutschen Charts geschafft. Derzeit tourt die Band durch riesige Hallen wie das Berliner Velodrom, wo 10 000 Besucher Zeilen mitgrölen wie: „Das ist das Land der Vollidioten / Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat.“

Frei.wild lieben ihre Heimat ohne Zweifel. Die Frage ist, ob sie damit nicht auch Hass säen. Nicholas Müller, Sänger der Punk-Band Jupiter Jones, unterstellt Frei.Wild „keinen bloßen Patriotismus, sondern einen exklusiven Nationalismus“. Und der Journalist Thomas Kuban, der verdeckt in der Rechtsrockszene recherchierte, widmet der Gruppe in seinem Buch „Blut soll fließen“ ein ganzes Kapitel und urteilt: „Frei.wild verkauft und etabliert Nationalismus und Anti-Antifaschismus als hippe Protestkultur.“

In seinem Video distanziert sich Burger von rechtem Gedankengut. Die Band hat auch keine klassisch fremdenfeindlichen Texte. Bei den Rechtsradikalen kommen Frei.Wild trotzdem gut an. Der NPD-Funktionär Patrick Schröder aus der Oberpfalz sagte in einem Interview: „Die Band ist zwar nicht zu 100 Prozent auf unserer Linie, aber zumindest zu 80 Prozent.“

Nicht nur das erinnert an die Böhsen Onkelz, die erst „Deutschland den Deutschen“ skandierten und mit Neonazi-Bands wie Kraft durch Froide auftraten, dann aber bis zur Auflösung 2005 riesige Erfolge als vermeintlich unpolitische Prollrocker feierten. Frei.Wild-Frontmann Burger war einst Sänger der Skinhead-Gruppe Kaiserjäger und Mitglied der Freiheitlichen Jugend, der Jugendorganisation der Freiheitlichen – einer Südtiroler Schwesterpartei der österreichischen FPÖ.

In seinen Hardrock-Songs und Balladen besingt er die wahren Werte, „ohne die unser kleines Volk stirbt“. Und in Interviews klagt er über Gutmenschen und NS-Opfer: „Man macht Vergangenes nicht ungeschehen, indem man schon seit Jahrzehnten davon finanziell Profitierende, lechzend nach einer Daseinsberechtigung für ihr klägliches Dasein, weiter unterstützt.“ Auch wegen solcher Aussagen ersetzen die Berliner Ärzte in ihrem Anti-Neonazi-Lied „Schrei nach Liebe“ den Namen der Rechtsrock-Band Störkraft schon mal durch Frei.Wild.

Für den Journalisten Kuban sind Frei.Wild der Beweis, dass „Nationalismus gesellschaftsfähiger“ geworden ist – auch wenn er aus dem schönen Südtirol kommt.

Von Matthias Lohr

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