Fremd und vertraut: Die Ausstellung „Hier und Jetzt“ im Südflügel

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Fragen nach der Identität: 40 Paar Frauenschuhe von Mehtap Baydu und dahinter der „Milenia Club“ von Milen Krastev.  

Kassel. Der Saal im Südflügel des Kulturbahnhofs, den eine Initiative von Kasseler Künstlern für Ausstellungsprojekte ins Auge gefasst haben, ist nicht leicht zu bespielen - schon wegen seiner Größe.

Fällt wie in diesen Tagen Sonnenlicht durch die vielen großen Fenster, zeigt sich erst recht, dass mit diesem Raum nicht leicht umzugehen ist.

Andererseits bietet er eben großzügigen Platz für Installationen, Werkserien und Großformate, die nur auf angemessener Fläche Wirkung entfalten - wie in der aktuellen Schau „Hier und Jetzt“, die eine gelungene Werbung für das Projekt „387 Quadratmeter“ darstellt.

Der Werkzyklus „überLEBEN“ etwa von José de Quadros ist auf der gesamten Länge des Saales auf Tischen ausgebreitet - wie ein Bahngleis. Der 1958 in Brasilien geborene Künstler hat weiß lasierte Zeitungsseiten von 1931 bis 1948, darunter Nazi-Propaganda-Blätter wie der „Völkische Beobachter“, mit Rötelzeichnungen der deutschen Fauna und Flora versehen. Das verweist auf Lois Weinbergers Bepflanzung des Gleises vor dem Südflügel wie eine lehrbuchhafte Normierung, Klassifizierung der Tier- und Pflanzenwelt, könnte aber auch an ein Stalin-Zitat denken lassen: „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt.“ Auch Hirsch und Frosch waren vom „1000-jährigen Reich“ unberührt.

Seine eigene imaginäre „Zivilisation“, das utopische wie mythische Reich „Milen“, entwirft seit Jahren mit großer Konsequenz Milen Krastev. Im Kunstverein hatte er 2010 ein „Museum of Milenia“ eingerichtet, nun fordert er zum rituellen Eintritt in den „Milenia Club“ ein. Ironisch und ernsthaft fragt der gebürtige Bulgare nach der durch Herkunft bestimmten Identität. Das ist die Intention der Schau, die sechs Künstler vereint, die Wurzeln im Ausland haben, aber in Kassel leben und arbeiten. „Hier und Jetzt“ als Standortbestimmung, in der Fremdes vertraut und Vertrautes fremd wird.

Mehtap Baydu stellt das patriarchale Frauenbild ihrer Heimat Türkei aus: Sie hat 40 Paar Frauenschuhe auf ein mit einer „Mitgift-Decke“ bezogenes Doppelbett gestellt - 40 Jungfrauen erwarten den Muslim im Paradies. Minu Lee aus Südkorea entrückt seine Porträtfotos in kunsthistorische Distanz - sie sehen aus wie Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.

Der Chinese Jie Liu fotografiert globale Nicht-Orte - gesichtslose, austauschbare, nirgendwo verortbare Architektur. Rana Matloub, geboren in Bagdad, holt mit Exponaten ihrer Audio-Installation - Koffer, Brötchentüte, Kaffeebecher - Bahnhofsatmosphäre in die Ausstellung und verteilt Abreißzettel, wie sie in der Uni oder in Supermärkten hängen, auf dem Bahnhof. Satzfetzen und Begriffe darauf regen die Fantasie an. Sie scheinen Fragmente einer unerzählten Geschichte zu sein.

Bis 11. April, Di.-So. 14-18 Uhr. Eintritt frei. Rundgänge mit den Künstlern am 31.3., 18 Uhr, und 11.4., 17 Uhr. Samstag, 31.3., 18-22 Uhr, Künstlerfest mit Performance und Konzerten.

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