Fremd und vertraut: Foto-Ausstellung im Malerdorf Willingshausen

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Inszenierung als Schwälmerin: Selbstporträt (Ausschnitt).

Willingshausen. Wie man ein Bierglas fotografiert? In der Regel wohl, indem man sich hinkniet, um es vollständig einzufangen. Anja Köhne geht anders vor. Sie nimmt es von oben auf.

Ein kühles Blondes mit hübschem Bierschaum? Nein, schwarz-weiß, in der extremen Draufsicht schaut das Bierglas wie die Petrischale eines Chemikers aus, der Bakterien untersucht.

Das ist das Erstaunliche an den Fotografien, die Anja Köhne als 34. Trägerin des Stipendiums von Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, art regio, Schwalm-Eder-Kreis und Gemeinde Willingshausen noch bis zum Wochenende im Schwälmer Malerdorf zeigt: Wie es ihr gelingt, dem Alltäglichen, Vertrauten neue Perspektiven abzugewinnen.

Köhne, 1985 in Stendal geboren, Absolventin der Klasse Experimentelle Fotografie von Bernhard Prinz an der Kasseler Kunsthochschule, bildet die Dinge nicht einfach ab. Sie gönnt ihnen Auftritte, inszeniert sie neu, oft wie Skulpturen, bleibt aber selbst ganz zurückgenommen. Oft zeichnet ihre eindrucksvollen Fotografien eine gewisse Strenge aus, ein Geheimnis belässt sie ihnen fast immer.

In Willingshausen, wo die Stipendiaten jeweils drei Monate im Fachwerk-„Hirtenhaus“ wohnen, hat Köhne auf Wunsch fotografiert. Die Dorfbewohner konnten ihr auf Postkarten Aufträge geben, die sie in ihrer eigenen, verrätselnden Bildsprache erfüllt hat. Es macht in der Ausstellung Spaß, in der Broschüre die Wünsche zu lesen und den auf dem Boden ausgebreiteten Motiven zuzuordnen. Die Rahmen stammen von den Auftraggebern.

Köhne hat eine meditierende Kuh ins Bild gesetzt, Gleitschirmflieger, die Torten bei einer Konfirmation, aber auch abstrakte Begriffe wie Glück, Unsinn und Frohsinn. Die Willingshäuser haben so eine Art Selbstbildnis ihrer Dorfgemeinschaft erhalten - anschaulich auch in den versammelten zahlreichen Selbstporträts.

Mit offenkundigem Vergnügen hat sich Köhne als Schwälmerin inszeniert, sie spielt mit Trachten, Töpferei und Wurst. Betrachtern wird Vertrautes fremd, sie selbst hat sich das Fremde vertraut gemacht.

Finissage am 7. Juli, 16 Uhr (Künstlergespräch, Kaffee und Kuchen). Geöffnet Di-Sa 14-17, Sa auch 10-12 Uhr. www.malerkolonie.de, Tel. 06697-1418.

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