Premiere am Freitag ausverkauft

Sextourismus im Backpackermilieu: „In der Fremde“ am DT uraufgeführt

+
An der Bar: Gerd Zinck (Clemens), Gabriel von Berlepsch (Jean-Luc), Rebecca Klingenberg (Maja) und Elisabeth Hoppe (Franzi).

Göttingen. Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen: Rebekka Kricheldorf hat ein Theaterstück über Sextourismus in der Rucksacktouristenszene geschrieben. 

Erich Sidler, Intendant am DT hat es inszeniert. Die ausverkaufte Uraufführung am Freitag auf der Studiobühne DT-2 wurde begeistert beklatscht.

Schon fies. Da fährst du nach Mexiko, um enthemmten Sex zu erleben, dich so richtig befreit zu fühlen („Eine Feministin ist eine Frau, die auf ihre Muschi hört“) – und dann stehst du doch gedemütigt vor dem Telefon in der Bar und wartest darauf, dass irgend so ein Ricardo oder Juan zurückruft.

Die Dialoge mit jener Aussteigerin Maja (Rebecca Klingenberg), die ihre literaturwissenschaftliche Ausbildung an den Nagel gehängt hat und nun andere Traveller über deren moralische Beschränktheit belehrt, sind die besten in dem 100-minütigen Abend.

Kricheldorf hat andere Szenen dazucollagiert, die sich jeweils nach Licht- und Kostümwechseln entrollen. Da gibt es einen älteren Typen, der sich das Hirn weggekifft hat und nun dunkelhäutige Boys klarmacht („Mein hungriger alter Schwanz ernährt so manche Großfamilie“), Szenenminiaturen aus dem arabischen und asiatischen Raum.

Westliche Touristen nutzen das globale Wohlstandsgefälle aus, um sexuell zum Zuge zu kommen – auszubeuten wie einst in Kolonialzeiten. Und all die Individualreisenden mit ihrer akademischen Besserwisser-Attitüde sind keinen Deut integerer.

Tolles Thema, aber möglicherweise hätten alle verhandelten Aspekte auch in eine Rahmenstory gepackt werden können. Der Abend zerfranst etwas ob der vielen Spielorte. Auch dass die vier Darsteller fortwährend die Geschlechterrollen wechseln, fügt dem Stoff eigentlich nichts hinzu. Fixpunkt aller Geschichten ist eine Bar mit Plastikstühlen und Bambusvorhang als Treff der Reisenden (Ausstattung: Gregor Müller).

Nicht ganz durchgeformt

Trotz vieler pointierter Dialoge, trotz Kricheldorfs gewohnt messerscharfe Analyse und ihrem großartigen Blick für Dramenstoffe, ist „In der Fremde“ nicht so stringent durchgeformt wie zuletzt am DT das sensationelle „Homo Empathicus“. An vielen Punkten wirkt es mehr wie eine Ideen- oder Pointensammlung.

Gabriel von Berlepsch, Gerd Zinck, Elisabeth Hoppe und Rebecca Klingenberg spielen all die Auswanderer, Säufer, Bildungsreisenden und Sexhungrigen, die in der Ferne befreit von politischer Korrektheit so richtig die Sau rauslassen wollen. Vor allem die Frauen überzeugen mit großartigen Figurenzeichnungen, neben Klingenbergs zappelig-großmäuliger Maja auch Hoppe als Studentin Franzi, die mit ihrem Jura-Dozenten auf Reisen ist und allein mit ihrer körperlichen Präsenz viel von Erwachsenwerden und physischer Selbstvergewisserung erzählt.

Kricheldorf setzt klar auf Unterhaltung, nicht jeder Wortwechsel hat Bedeutung und Anspruch. So feuert sie ein bildungsbürgerlich unterfüttertes Pointenfeuerwerk ab, bei dem munter zwischen Anspielungen auf Säulenheilige wie Pierre Bourdieu, Sprachschablonen des Gender-Diskurses und saftigen Kalauern gewechselt wird.

Wieder am 6., 12., 20.12., Karten: Tel. 0551/496911.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.