Farbfotografie vor dem Ersten Weltkrieg ist im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen

Das Fremde rückt ganz nah

Farbaufnahmen von 1913/14: Buddhistischer Lama in zeremoniellem Gewand im Palast des himmlischen Friedens in Peking (von links), wahrscheinlich Damdinbazar, die achte Inkarnation des mongolischen Jalkhanz Kuthugtu, nahe Ulaanbaatar, sowie junge Bishari-(Nubier-)Frauen vor ihrer Behausung. Fotos:  Musée Albert-Kahn/Gropius-Bau

Berlin. Es war einmal ein Bankier. Der konnte es sich leisten, Fotografen in die ganze Welt zu entsenden. In fernen Ländern sollten sie Aufnahmen machen und ihm nach Frankreich bringen. Dies bereits vor dem Ersten Weltkrieg und ganz in Farbe. Albert Kahn (1860-1940) war dieser Mann. Er hat damit ein einzigartiges Bildarchiv geschaffen: 70 000 Fotos fremder Völker und Landschaften von Asien über Europa bis Afrika.

Den Bilderschatz aus einer versunkenen Welt bringt jetzt eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ans Tageslicht. „Die Welt um 1914. Farbfotografie vor dem Großen Krieg“ präsentiert ethnografische Raritäten aus dem frühen 20. Jahrhundert. Als Stéphane Passet zum Beispiel 1913 in Peking vor dem Palast des himmlischen Friedens ein buddhistischer Lama im zeremoniellen Gewand vor die Linse lief.

Begeistert vom neuen Autochromverfahren der Brüder Auguste und Louis Lumière beauftragte Kahn 1908 Passet und andere Fotografen, dieses gewaltige Bildarchiv zu bestücken. Die Abbildungen sollten gleichzeitig eine Friedensmission erfüllen. Das Fremde näher kennenzulernen, war das Ziel. Wer sich von Angesicht zu Angesicht kennt und respektiert, führt keinen Krieg, so die etwas naive Vorstellung.

160 Aufnahmen sind im Obergeschoss des Museums zu Gast. Darunter etliche vom Urheber des Dreifarbendrucks Adolf Miethe. An der Entwicklung der Farbfotografie hatte er maßgeblich Anteil durch die Erfindung einer neuen Filmbeschichtung. Außerdem dokumentierte er im Auftrag des Kaisers deutsche Landschaften für die Weltausstellung in Amerika. Sie fanden sich auch als Sammelbilder in Schokoladentafeln wieder.

So entstand damals der erste Farbfoto-Bildband Deutschlands – das „Stollwerck-Album“. Für Freaks der Fotogeschichte ist diese Schau also ein Leckerbissen. Sie können des Weiteren die historischen Abzüge und projizierten Aufnahmen des russischen Fotografen Sergej M. Prokudin-Gorskii betrachten. Der Original-Projektor, mit dem er sie dem letzten Zaren Nikolaus II. vorgeführt haben soll, ist ebenfalls nach Berlin gereist.

Ähnlich Miethe, durch dessen Vorarbeit sich Gorskii inspirieren ließ, erhielt er 1909 von oberster Stelle des Zaren den Auftrag, das russische Reich festzuhalten. Er dokumentierte dessen kulturelle Vielfalt von der Krim bis Sibirien. Wo es heute kracht, führt die Schau allerlei Bewohner rauer Landschaften vor Augen. Insofern sind die fast vergessenen Fotos und Filme auch für Nicht-Spezialisten spannend.

Bis 2. November im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi-Mo 10-19 Uhr. www.berlinerfestspiele.de

Von Andrea Hilgenstock

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