"Freundschaften aus Kindertagen": Schauspielintendant Lars-Ole Walburg über Klüngel in Hannover

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Am Kicker: AWD-Chef Carsten Maschmeyer (links) und Christian Wulff, damals Ministerpräsident, beim Nord-Süd-Gipfel 2007.

Die deutsche Hauptstadt des Polit-Klüngels ist Hannover. Christian Wulff, Olaf Glaeseker, Carsten Maschmeyer, Gerhard Schröder: In der Stadt gibt es eine besondere Nähe zwischen Politik und Unternehmern.

Über das Klima für Seilschaften sprachen wir mit Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg, der für politische Aktionen bekannt ist.

Was ist der Humus, der den Klüngel in Hannover so gut gedeihen lässt?

Lars-Ole Walburg: Mir fällt auf, dass es viele Hannoveraner in ihrer Geburtsstadt hält. Da gibt es große Kenntnis voneinander und Freundschaften noch aus Kindertagen. Das schafft Nähe.

Hannover ist weder Metropole noch Kleinstadt, wie wirkt sich die Größe auf den Filz aus?

Walburg: Für Filz und Klüngel ist eine kleinere Stadt gefährlich. Übersichtlichkeit ist dem Klüngeln ja nicht gerade zuträglich. Das erschwert die Geschäfte. Was Hannover erst einmal schützen sollte.

Das ist offenbar groß genug.

Walburg: Die Größe ist so, dass hier Menschen aufeinandertreffen, die sich in richtig großen Städten nie begegnen würden. Das empfinde ich erst mal positiv. Aber die dabei entstehende Nähe findet man keineswegs fragwürdig. So lebt man hier in einer Atmosphäre, die Situationen hervorruft, die in Baden-Württemberg vielleicht als anrüchig empfunden würden. Dort würde der zuständige Medienberater einem Politiker vielleicht vom Besuch einiger Partys abraten.

Wo trifft sich dieser Klüngel?

Walburg: Der Fußball verbindet im Augenblick die Stadt. Und da sind dann auch alle anwesend. In den Lounges der AWD-Arena trifft man sich.

Bei Ihnen im Theater nicht?

Walburg: Nein, für Prunk und Glitzer sind wir der falsche Ort. Ich würde mich freuen, wenn ich Veronica Ferres mal zu einem Besuch verführen könnte, habe sie und Carsten Maschmeyer auch schon persönlich eingeladen. Sie kamen aber nicht.

Warum ist das Theater nicht so ein In-Ort?

Walburg: Sprechtheater, wie wir es verstehen, ist provokativ. Wer Klunker ausführen wollte, ist immer woanders hingegangen.

Man rühmt sich, in Hannover das reinste Deutsch zu sprechen, die Stadt hat ein absolutes Saubermann-Image ...

Walburg: ... beinahe geruchslos und geschmacksneutral ...

Wie kommt das eigentlich?

Walburg: Das ist gepflegtes Understatement. Die Leute wissen, dass ihre Stadt sehr viele Sachen hervorbringt, auf die man stolz sein kann. Nur wird dieser Stolz zu selten gezeigt. Öffentliche Ausschläge nach oben oder unten findet man nicht gut.

Aber eine schillernde Figur wie Carsten Maschmeyer gehört auch zur Stadtöffentlichkeit.

Walburg: Ich habe Carsten Maschmeyer als Gastgeber der Saisonabschlussfeier von Hannover 96 erlebt. Es war eine bizarre und tolle Party. Aber das ist für mich ein Ausflug in eine andere Welt. In der Stadtöffentlichkeit nehme ich andere Menschen wahr.

Wie spricht die Öffentlichkeit über die Skandale?

Walburg: Ich gehe gern in die Eckkneipe zum Fußballschauen. Die Menschen belastet, dass dauernd Niedersachsen in den Medien ist. Über die Person Christian Wulff wird dort genauso bigott gesprochen wie überall anders auch. Mir geht das auf die Nerven.

Wollen Sie mit dem Schauspiel Hannover auf diese Entwicklungen reagieren?

Walburg: Nein, das sind Themen fürs Kabarett.

Sie sind ein ausgesprochen politischer Theatermann. Wie definieren Sie Ihre Aufgabe für die Stadt Hannover?

Walburg: Wir scheuen gesellschaftliche Reibung nicht. Unsere Theaterarbeit versucht über die einzelne Vorstellung hinauszugehen. Es gibt in der Gesellschaft nicht viele Räume, wo man sich zum Diskurs trifft, das Theater hat so gesehen eine ähnliche Funktion wie die Kirchen. Manche beschweren sich über unsere Aktionen, wobei das meist gar nicht die Zuschauer selbst sind.

Was tun Sie aktuell?

Walburg: Wir haben die Politiker des Landtages zur Inszenierung „Deportation Cast“ eingeladen, ein Stück um das skandalöse Tabuthema Abschiebung.

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