Fridericianum: Vom Menschen bleiben nur Reste

Ein Kuss: Schädel, deren Oberfläche scheinbar aus elektrischen Schaltkreisen besteht, und die an Kabeln angeschlossen sind.

Kassel. Eindrucksvolle Retrospektive zum japanischen Künstler Tetsumi Kudo

Selbstporträts finden sich hier im Hamsterkäfig. Der Mensch ist zerlegt. Nur Fetzen eines Gesichts, von Händen oder Geschlechtsteilen sind übrig geblieben. Zusammengestopft in zahlreichen von der Decke hängenden Drahtkästen mit Elektroteilen, Kabeln, Widerständen. Aber auch Stricknadeln inklusive Wolle, Vögelchen, Zigaretten, Pflanzen, Rosenkränze, zerbrechende Herzen finden sich. In der Futterschale eines Käfigs liegen Tabletten.

Der Mensch ist in keinem guten Zustand in der großen Retrospektive des japanischen Künstlers Tetsumi Kudo, mit der Kuratorin Susanne Pfeffer nach drei Jahren ihrer Leitungstätigkeit am Kasseler Fridericianum eine Zäsur setzt. Ab Januar nutzt die documenta 14 ihr Stammhaus. Bis dahin sind die Zusammenstellungen in sehr luftig und poetisch gestalteten Räumen mit pastellfarbigen Hintergrundwänden auf zwei Etagen im Fridericianum zu erleben.

Man könne das Werk des Künstlers, der 1935 in Osaka geboren ist und 1990 in Tokio starb, erst heute richtig verstehen, sagte Pfeffer bei der Präsentation. Die in den 60ern, 70ern und 80ern entstandenen Arbeiten seien von Humanismuskritik geprägt, von der Skepsis gegenüber dem Glauben an den stetigen Fortschritt und die Überlegenheit von Technik – erwachsen aus dem prägenden Ereignis Hiroshima.

Schon in Tetsumi Kudos frühen Arbeiten bestehen die Schädel der menschlichen Wesen aus Schaltkreisen, verwachsen Glühbirnen mit Mündern, ist man beim Küssen verkabelt, liegen Plastikpüppchen an der Kette. Das wirkt alles sehr eindrucksvoll und wundervoll arrangiert, auch kann man gut Kudos Entwicklung nachvollziehen, die Arbeiten erscheinen aber eher nostalgisch als aktuell. Und überall sind Penisse aus Kunstharz, mit Kabeln umwickelt, deformiert. „Der Mensch erhöht sich so gegenüber seiner Umwelt – das macht ihn impotent“, sagt Pfeffer dazu.

Im Mittelraum im ersten Stock und in den Rotunden des Fridericianums taucht man dann ein in die Dunkelheit. Grellfarbiges Licht umgibt Kisten und Objekte. Liegestühle stehen dort etwa, wie am Strand. Nur sind von den menschlichen Körpern lediglich Hautfetzen übrig. Wie weggeschmolzen in der Sonne.

Im ersten Stock wirken die leuchtenden Kisten wie aus dem Geheimlabor in einem düsteren Science-Fiction-Film. In einer wachsen geheimnisvolle Riesenblumen aus dem, was man als Überreste menschlicher Körper sehen könnte. Oder es vereinen sich Kabel, Geräte und Menschliches so miteinander, dass man denken könnte, hier wurde mit hybriden neuen Lebensformen experimentiert.

Zweite Ausstellung: Loretta Fahrenholz

Im Zwehrenturm im Fridericianum zeigt die Berliner Filmemacherin Loretta Fahrenholz vier Filme. Im obersten Geschoss läuft der ganz neu entstandene „Two A.M.“, der auf dem Exilroman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun (1937) basiert. In den 40 Minuten führt die Filmemacherin eine Fantasywelt vor, die total überwacht wird, denn es gibt darin Menschen, die die Fähigkeit haben, Gedanken, anderer mitzuhören. „Ditch Plains“ bringt die Zerstörungen von Hurricane Sandy in den USA 2012 mit Stilmitteln eines Computerspiels zusammen. Die Schau ist die erste große institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin.

Die Ausstellungen im Fridericianum am Kasseler Friderichsplatz sind bis zum Neujahrstag geöffnet. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Die ersten Führungen: Heute, 17 Uhr, zu Tetsumi Kudo unter dem Thema „Fossil“, morgen, 15 Uhr, zu Loretta Fahrenholz. www.fridericianum.org

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