Frieda Braun sorgte für Lachsalven

Sexy sieht anders aus: Frieda Braun gab im Staatstheater absurde Geschichten aus dem Sauerland zum Besten. Foto: Fischer

Kassel. Diese Frau ist ein Phänomen. Frieda Braun füllt das Kasseler Schauspielhaus inklusive des letzten Platzes, als wäre das eine Kleinigkeit, und hat Sonntagabend vom ersten Moment an das Publikum komplett auf ihrer Seite.

Es folgen: zwei Stunden Lachsalven, Jubel zum Schluss. Und das, obwohl Braun als Mitglied der Splittergruppe Winterberg der Katholischen Frauen Deutschlands (KFD) aus einem auf den ersten Blick wenig aufregenden Alltag im Sauerland erzählt: Der Ausflug zum „Phantom der Oper“, die Einweihung eines Froschtunnels, Kaffeeklatsch mit Likörchen, Erlebnisse mit neuen Keil- und Seitenschläferkissen („quasi ’nen Partnerersatz“), die Folgen von zu viel Zwiebelkuchen und Federweißem für die Verdauung. Den roten Faden ihres Programms „Sammelfieber“ bildete die Bitte um Sachspenden für den nächsten KFD-Wohltätigkeitsbasar. Das normale Leben.

Aber vielleicht erklärt genau das den erstaunlichen Erfolg von Frieda Braun, deren Erfinderin Karin Berkenkopf heißt. Sie ist 50, wohnt selbst in „Winterberch“ und hat lange als Werbetexterin ihr Geld verdient. Die Besucher erkennen sich in der Lebenswelt ihrer Figur wieder, samt Schmachten für die beiden Andrés, Rieux und „Eggersee“ (Agassi), und Schwärmen fürs britische Königshaus.

Dann ist da natürlich die Art und Weise, wie Frieda Braun erzählt: Frisur, Gestik, Mimik, der Tonfall des Sauerlands voller „getz“ und „woll“, die ganze unmodische Erscheinung. Jedes Mal, wenn sie von „’s Thekla“ berichtet, beugt sie sich nach vorn, den Po ausgestreckt. Das Gesicht zur Grimasse verzogen, wenn „mein Erwin“ an der Reihe ist. Zuverlässige Lacher bringt es, Fremdwörter falsch auszusprechen. Der Relax- wird zum Rehlachs-Sessel, die Rücken-Tätowierung von „Victoria Beckmann von den Speis Girls“ zur „Ziselierung“. Klippen umschifft Frieda Braun nie, sie stürzt immer ab.

Es ist schwer, einzelne Gags zu erzählen. Die Frieda-Braun-Komik liegt darin, merkwürdige Gestalten vor den inneren Augen entstehen zu lassen: den Junggesellen „Schiertekes Wilbrecht“ mit „männlich strengem Bukett“, der ein Reisebügeleisen zum Basar gibt, auf dem er beim Stammtisch-Ausflug nach Willingen nachts Spiegeleier gebraten hat, oder die eifrige Agathe, „Kollekten-Aga“, die die Hotelseife in mitgebrachte Tupperware-Behälter abfüllt. Unspektakuläre Geschichten walzt sie so sehr aus, verknüpft sie so absurd miteinander, dass man sich, längst in „Trangse“ geredet, irgendwann fassungslos fragt: Wie, um Himmels willen, kommt sie darauf?

Dann trägt Neil Armstrong bei der Mondlandung die Puma-Trainingsanzüge der Alten Herren 1895 aus Winterberg, „wo auch ohne Erdanziehungskraft der Schritt bis ins Knie hängt“.

Von Mark-Christian von Busse

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