Das Deutsche Theater geht mit Thomas Bernhards „Der Theatermacher“ von Göttingen auf die Dörfer

Frieden bei der Frittatensuppe

Der Staatsschauspieler, gestrandet in der Dorfkneipe: Paul Wenning stellt den Bruscon dar. Foto: Opitz

Diemarden. Theater in der Kneipe? Welcher Autor könnte sich da besser eignen als der österreichische Grantler Thomas Bernhard? Dessen Protagonisten verlieren sich in finsteren Weltverachtungs- und Beschimpfungstiraden, ähnlich wie manche Betrunkene aus dem Kreislauf ihrer Gedanken, in den sie sich einmal hineingesteigert haben, einfach nicht mehr herausfinden.

Dass das Deutsche Theater in Göttingen anlässlich des 80. Geburtstag des 1989 gestorbenen Schriftstellers dessen Stück „Der Theatermacher“ auswählte, um - inszeniert von Sarah Schermuly - in rustikalen Gaststätten des Landkreises zu gastieren, erweist sich als besonderer Clou - handelt es doch von einem Tourneetheater, das in Wirtshäusern winziger Nester Station macht. Zum Auftakt am Samstag in Diemarden, Ortsteil von Gleichen, im urigen Gasthaus Bieling „Zum Bahnhof“.

Diemarden ist heute also, für eine knackige Theaterstunde, Utzbach. Paul Wenning als Bruscon, der größte aller Staatsschauspieler, spricht das mit größtmöglichem Abscheu aus. Utzbach! Ein 280-Seelen-Kaff, in dem auch noch „Blutwursttag“ ist. Ein feuchter, stickiger, vermoderter Saal. Seine „Menschheitskomödie“, in der Nero, Cäsar, Napoleon, Metternich, Hitler, Stalin und Churchill auftreten, wie Perlen vor die Säue geworfen. Tatsächlich grundiert Schweinegrunzen die Beschimpfungsorgie, in die sich Bruscon nun hineinwütet.

Anfangs ist es lustig, weil man ja in einer brechend vollen Dorfkneipe sitzt, wie er Ort („als ob die Zeit stehen geblieben wäre“, „lauwarmes Utzbacher Kloakenwasser“) und Publikum („alte Leute, die weder hören noch sehen“, „seltsam verwachsene Menschen“) attackiert. Doch bald sind sein verächtliches Reden, seine Selbstbezogenheit, sein Größenwahn kaum mehr auszuhalten. Bruscon erweist sich als unerträglich-haltloser Tyrann. Wenning spielt den Theater-Berserker, der sich in Hass-Kaskaden ergeht, fabelhaft. Bis der Schweiß tropft.

„Der Theatermacher“, 1985 von Claus Peymann uraufgeführt, ist bitter ironisch. Thomas Bernhard verarbeitete darin den „Notlicht“-Skandal bei den Salzburger Festspielen 1972, als bei einem Bernhard-Stück für zwei Minuten völlige Finsternis herrschen sollte. Gegen die Absprache brannten bei der Premiere die Notlichter, Bernhard, außer sich vor Wut, untersagte weitere Aufführungen. Auch Bruscons größte Sorge ist, dass es am Ende nicht fünf Minuten dunkel sein könnte. Sonst sei alles „vernichtet“.

Seine Familie, die der abgehalfterte Darsteller missbraucht, hat seinen Quälereien und seinem Kommandoton („talentlose Brut“) schon lange nichts mehr entgegenzusetzen, außer hysterischem Husten (Gaby Dey als Ehefrau), ignorantem Kaugummikauen (Anja Schreiber, die Tochter) und verzweifeltem Schweigen (Philip Hagmann, der Sohn). Der Wirt (Gerd Zinck) kapituliert von vornherein vor dem Egomanen, der nur einmal Ruhe gibt: als er seine Frittatensuppe löffelt.

Nächster Termin: 15.4., 20 Uhr, Gasthaus Kesten, Adelebsen-Güntersen, danach in Dransfeld, Dramfeld, Tiftlingerode und Mingerode. Karten und Infos: Tel. 0551/496911, www.dt-goettingen.de

Von Mark-Christian von Busse

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