Wolfgang Luh zeigt Bombennacht-Funde in der Ausstellung „Requiem für eine verlorene Stadt“

Ein Friedhof menschlicher Gefühle

Erinnerungen: Gesammelte Scherben. Foto:  Gebhardt

Kassel. Im Kasseler Untergrund ruhen nicht nur Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die (noch) nicht explodiert sind, sondern auch die Scherben der Bombennächte, als die Stadt zermalmt wurde. Die Zerstörung Kassels jährt sich am 22. Oktober 2013 zum 70. Mal. Und wer am Rosenhang, wo der Kriegsschutt hinabgeworfen wurde, aufmerksam den Blick zu Boden wendet, kann dort noch Zeugnisse des Krieges entdecken: Zerbrochene Flaschen und Porzellan, verbeulte Eimer, verrostete Gerätschaften und Werkzeuge, Dachziegel. Der Kasseler Künstler Wolfgang Luh hat diese Artefakte des Krieges gesammelt, gesäubert und zu einer Installation zusammengesetzt, die Kunst und Archäologie miteinander verbindet. Sein „Requiem für eine verlorene Stadt“ im Foyer der Elisabethkirche versteht Luh als Mahnmal und es ist schon berührend, wie gegenwärtig das Grauen dadurch wird. Diese Scherben waren ja mal Tassen, aus denen jemand Kaffee trank, dieser Porzellankopf gehörte zu einer Puppe, mit der ein Kind spielte, das vielleicht verbrannt ist.

Auf einem langen, mit einem schwarzen Filztuch bedeckten Tisch sind die Scherben aufgeschichtet. Ein verrosteter Eimer liegt so, als wäre alles aus ihm herausgefallen. „Für mich“, schreibt Luh im Begleitheft, „ist der Weinberg mit dem Rosenhang ein riesiger Friedhof voller menschlicher Gefühle und menschlichem Leid.“ Wie die Scherben von Pompeji vom römischen Leben erzählen, so zeugen diese neuzeitlichen Scherben vom Leben im 20. Jahrhundert.

Das Arrangement aus Erinnerungssplittern wird fahl beleuchtet und Gezwitscher soll an die Vögel am Weinberg erinnern. Dieser akustische Effekt ist entbehrlich, die optische Wirkung dieses an einen Leichentisch erinnernde Requiem ist auch so tief beeindruckend.

Bis 3. November, Sankt Elisabeth am Friedrichsplatz, Dienstag bis Sonntag, 12 bis 18 Uhr.

Von Andreas Gebhardt

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