Museum für Sepulkralkultur zeigt Zeugnisse protestantischer Begräbniskultur

Prunkstück der Ausstellung: Der berühmte Kupfersarg des Heinrich Posthumus Reuß von 1635. Alle Fotos: Herzog

Kassel. Der Eingangsvers des Luther-Chorals „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ steht als Zeugnis der Glaubenszuversicht über der neuen Ausstellung des Kasseler Museums für Sepulkralkultur. Wie hat die Reformation das Bild vom Sterben und den Umgang mit den Toten verändert?

Dass die protestantische Begräbniskultur - auch im Vergleich mit der katholischen - keineswegs grau und langweilig war, beweist die eindrucksvolle Schau. Was es zu sehen gibt

• Prunkstück der Ausstellung ist der kunstvoll verzierte Kupfersarg des Heinrich Posthumus Reuß (1572-1635) aus Gera. Er ist nicht nur mit Gold-ornamenten, Wappen und Porträtaufsätzen verziert. Auf ihm sind auch die Bibel- und Choralverse zu sehen, die der Verstorbene für seine Begräbnisfeier auswählte - und die der Komponist Heinrich Schütz durch seine „Musikalischen Exequien“ von 1636 berühmt machte. Gleichzeitig ein Beweis für die Bedeutung von Begräbnismusik.

• Weitere Särge zeigen den individuellen Gestaltungswillen der Verstorbenen, so der Kupfersarg der Elisabeth Charlotte zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein von 1662 mit einem gemalten Porträt auf dem Deckel.

• Darstellungen von Leichenzügen (der längste Druck misst dreieinhalb Meter!) verweisen auf die Wichtigkeit der Verstorbenen.

• Gedruckte Leichenpredigten mit Titeln wie „Christliches Fuhrwerk zum Himmel“ zeigen deren Funktion als „Vermahnung“ der Lebenden.

• Bilddarstellungen und wertvolle Epitaphe als Zeugnisse der Frömmigkeit. Nebenbei dokumentieren sie die Auslagerung der Friedhöfe aus den Städten im Zuge des Protestantismus - so ein kolorierter Stadtplan Kassels des Hofmalers Michael Müller von 1547.

• Grabbeigaben wie Rasiermesser und -pinsel, aber auch Fläschchen mit „Dr. Kiesows Lebensessenz“. Was man lernen kann

• Wenn heute Beerdigungsrituale immer individueller (und teilweise auch absonderlicher) werden, so wurden die Wurzeln dafür bereits in der Reformation gelegt: Ohne die Vorstellung vom Fegefeuer und die damit verbundenen formalisierten Rituale rückte die Person des Verstorbenen, seine Biografie und seine Frömmigkeit, aber auch sein sozialer Status in den Mittelpunkt der Betrachtung. Wie im Falle des Heinrich Posthumus Reuß, der seine Frömmigkeit durch die genaue Festlegung des Begräbnisablaufs zum Ausdruck brachte.

• Die theologische Betonung des Bibelwortes im Protestantismus führte zu einer größeren Bedeutung der Musik - als Verstärkung des Wortes.

• Friedhöfe mussten nicht mehr in Kirchennähe sein, sondern konnten außerhalb der Städte angelegt werden. Der Grund: Protestanten kennen keine Seelenämter, sie können nichts mehr für die Toten tun, die in Gottes Hand liegen.

• Welchen Sinn Grabbeigaben in protestantischen Gräbern haben, gibt den Forschern noch Rätsel auf.

Mit Fried und Freud ich fahr dahin. Protestantische Begräbniskultur der Frühen Neuzeit. Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Weinbergstraße 25-27. Bis 9. Januar 2011. Di bis So, 10-17 Uhr, Mi bis 20 Uhr. Kein Katalog. Ab 12. Februar 2011 im Stadtmuseum Gera. www.sepulkralmuseum.de

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