„Früher war alles besser“: Autoren-Trio um Henryk M. Broder stellt polemisches Buch vor

Henryk M. Broder Foto: dpa

Göttingen. Früher war alles besser? Papperlapapp. Nichts als ein sentimentales Gefühl, das sich ungefähr mit der ersten Gleitsichtbrille einstellt. Zum Lamentieren gebe es keinen Anlass, meint das Autoren-Quartett Henryk M. Broder, Dirk Maxeiner, Michael Miersch und Josef Joffe, das unter diesem Titel, „Früher war alles besser“, eine kleine Kultur- und Sozialgeschichte der Bundesrepublik vorlegt.

Eine Sammlung lauter verschwundener, untergegangener Phänomene: Bahnsteigkarten, Ragout fin, Liedermacher, Fräuleins oder die Prügelstrafe. Ein Trio stellte das Buch im vollen Deutschen Theater vor. „Zeit“-Herausgeber Joffe ließ sich unter fadenscheinigen Erklärungen („Minigolf spielen in der Türkei“, „Ayurveda-Kur in Bagdad“) entschuldigen. Miersch moderierte, Broder gab die bissigsten, bösesten Bemerkungen ab. Er verstehe die Aufregung um Stuttgart 21 nicht, zum Beispiel. Einem Volk, das es zu Fuß bis Stalingrad geschafft habe, sei doch der Weg nach Augsburg oder Ulm auch ganz ohne Bahn zuzumuten: „Alles Weicheier.“

Nicht jeder Text hatte gleichen Pepp und witzige Pointen, vieles jedoch war amüsant - wie der Beitrag über „Ehehygiene“ -, und mitunter war zu spüren, dass sich die Autoren an ihrer 68er-Vergangenheit abarbeiten. Noch nie habe es Frieden, Freiheit und Wohlstand als Dauerzustand gegeben, trotzdem seien die Deutschen „in die Apokalypse verliebt“: Waldsterben, Ozonloch, Rinderwahn und jetzt eben der Klimawandel. Ob aber das „gesunde Volksempfinden“ wirklich in der „political correctness“ („eine absolute Pest“) ein neues Gewand hat, wie Broder befand, oder Deutschland sich in eine „Republik der Sozialarbeiter“ verwandelt hat?

Nostalgie ist unangebracht, so das Fazit. „Wollen wir ernsthaft tauschen?“ Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen. Immerzu und oft unbemerkt. Und das war vielleicht die Einsicht des Abends: Mancher Fortschritt muss mühsam erkämpft werden. Aber manche Revolution passiert einfach so.

Michael Miersch u. a.: Früher war alles besser. Knaus, 224 S., 19,99 Euro.

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