documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev reinigt Brunnendenkmal

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Im Bau: Carolyn Christov-Bakargiev und Horst Hoheisel mit einem Foto aus der Entstehungsphase des Kunstwerks.

Kassel. Kunst und Kanalarbeiten haben meist wenig gemein, ein Kasseler Künstler schuftet trotzdem regelmäßig wie ein Brunnenputzer: Seit 25 Jahren reinigt Horst Hoheisel einmal im Monat seine „Negative Form“ vor dem Kasseler Rathaus. Höchste Zeit, dass ihm jemand zur Hand ging.

Am Dienstagvormittag stieg die Leiterin der documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, mit Hoheisel in den umgekehrten Brunnen hinab. Dieser stellt für die US-Amerikanerin „eines der beeindruckendsten Monumente“ zum Thema des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts dar. Das Ritual der Reinigung sei dabei Teil des Kunstwerks. „Bei dieser Arbeit wird kein Konsumartikel produziert“, sagt Christov-Bakargiev. „Man kümmert sich einfach um etwas Wertvolles.“

Abstieg: Die neue documenta-Leiterin klettert ins Brunnenbecken.

Laut Hoheisel verdeutlicht das Ritual „die Verantwortung für die Geschichte, die dahintersteckt“. Bei seinen monatlichen Einsätzen komme er häufig mit Passanten ins Gespräch über den Brunnen – und fische allerlei interessante Dinge aus dem unterirdischen Becken. „Kinderspielzeug, Kerzen von Anti-Kriegs-Demos, Fixer-Spritzen, Schalen vom Obst, das nach dem Mauerfall an Gäste aus der DDR verteilt wurde – das sind echte Zeitzeugen.“

Während die Reinigung sonst einen ganzen Vormittag dauert, war diesmal bereits nach einer halben Stunde Schluss. Grund: Die Pumpe, die das Wasser während der Reinigung aus dem Becken befördert, streikte. „Wenn wir länger dringeblieben wären, hätten wir schwimmen müssen“, sagte Hoheisel.

Dem großen Medieninteresse tat das jedoch keinen Abbruch. Ein Jahr vor dem Start der documenta 13 sorgte der Denkmalpflege-Einsatz der Ausstellungsleiterin für Spekulationen, ob die Aktion ein Zeichen dafür sei, dass 2012 auch Werke von Hoheisel oder anderen Kasseler Künstlern zu sehen sein werden. Die US-Amerikanerin hielt sich jedoch bedeckt: „Ich sage nichts. Heute geht es nur um den Brunnen.“ Auch Hoheisel sieht der dDocumenta 13 gelassen entgegen: „Es wäre toll, aber ich bin aus dem Alter raus, wo ich danach gieren würde.“

Hintergrund

Von den Nazis 1939 zerstört

Mit „Negative Form“ erinnert Horst Hoheisel an den von den Nazis zerstörten Aschrottbrunnen. „Das eigentliche Denkmal ist der Passant, der stehen bleibt und nachdenkt, was hier verloren ging“, sagt der 1944 in Posen geborene Kasseler.

1908 war der Brunnen zu Ehren des jüdischen Kaufmanns Sigmund Aschrott, Gründer des Stadtviertels Vorderer Westen, vor dem Rathaus errichtet worden. Nach der Zerstörung des zwölf Meter hohen Sandsteinobelisken 1939 wurde das Becken als Blumenbeet und Springbrunnen genutzt.

Die ursprüngliche Form rückte erst zu Beginn der 1980er-Jahre wieder ins öffentliche Gedächtnis. 1987 ließ Hoheisel ein Abbild des Brunnens als Negativ kopfüber im Boden versenken: „Solang der letzte Neonazi nicht aus Deutschland vertrieben ist, wird der Brunnen nicht wieder als Positiv-Form errichtet.“

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