Der Nordhesse Rolf Bläsing und der Popstar David Byrne empfehlen in ihren Büchern das Radfahren

Es führt kein Radweg dran vorbei

Radfahrern wird es nicht leicht gemacht: Manche Radwege sind einfach nur doof, wie die „Cycle Campaign“ der nordenglischen Stadt Warrington zeigt. Auf ihrer Seite home- page.ntlworld.com/pete.meg/wcc/index.htm küren die Radler schon seit 2001 mit britischem Humor den Radweg des Monats. Fotos: nh

Irgendwann Mitte der Nullerjahre fiel Rolf Bläsing auf, dass es keine Jahreszeiten mehr gibt. Der Klimawandel, erkannte der Familienvater aus Felsberg-Böddiger im Schwalm-Eder-Kreis, war auch in Nordhessen angekommen. Um seinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten, überlegte er, ob er ein Jahr auf sein Auto verzichten könne.

Er hielt das Experiment nur einen Monat durch, hat dafür ein anderes Experiment daraus gemacht: In seinem zweiten Roman „Vollkasko“ erzählt der Hobby-Schriftsteller (53, „Der Halbmarathon-Mann“) von einem Familienvater, der ein Jahr in kein Auto steigt und stattdessen mit dem Rad überallhin fährt. Sein Held Arno Eggenthal steckt in der Midlife-Crisis und versucht, seinem Leben mit dem Rad einen neuen Sinn zu geben und so nebenbei die Jahreszeiten zu erhalten.

Das klingt erst einmal uncool, wird von Bläsing, der auch selbst mit dem Rad zum Bahnhof pendelt, aber unterhaltsam erzählt und liegt im Trend. Immer mehr Städte erkennen, dass das Fahrrad das bessere Auto sein kann, weil es die Luft nicht verdreckt, Energie spart und Staus vermeidet. Auch die Pop-Ikone David Byrne hat ein Loblied aufs Tretgerät verfasst.

Schon Anfang der 80er fuhr der britische Sänger und Gitarrist, der als Frontmann der Talking Heads berühmt wurde, in New York von Club zu Club. Damals wurde er wie Bläsings Romanheld blöd angeguckt. In seinem Buch „Bicycle Diaries“, das im Titel an Che Guevaras „Motorcycle Diaries“ erinnert, erkennt er eine Trendwende: „Viele junge Leute finden Radeln offenbar nicht mehr uncool.“

In seinen Essays schildert der 59-Jährige, wie es ihm auf seinem Faltrad ergangen ist, mit dem er neun Weltmetropolen erkundet hat. Den Menschen in Istanbul muss er erklären, dass Radfahren nicht gleichbedeutend mit Armut ist. Nicht nur in Manila kommt Byrne schneller voran als mit dem Auto. Und von der Radfahrstadt Berlin ist er begeistert, weil „alles sehr zivilisiert, angenehm und aufgeklärt“ ist.

Kein Krieg auf der Straße

Vom Krieg auf der Straße, den kürzlich „Der Spiegel“ selten dämlich ausgerufen hat, weil rüpelhafte Radfahrer friedlichen Autofahrern das Leben erschwerten, haben weder Byrne noch Bläsing etwas mitbekommen. Die Redakteure des Magazins kennen den Alltag von Radlern offensichtlich ebenso wenig wie Annette Zoch, die ein „Fahrradhasserbuch“ geschrieben hat. Darin behauptet die Journalistin, dass der Mensch auf dem Rad „zum Monster“ werde. Nur welches ungeschützte Monster ist so blöd und legt sich mit 200 PS unter der Haube eines SUV an?

Es führt kein Radweg dran vorbei, dass Stadtplaner und Autofahrer in Zukunft mit noch mehr unmotorisierten Verkehrsteilnehmern rechnen müssen. Das Fahrrad werde zur „größten Erfolgsgeschichte im Verkehr des 21. Jahrhunderts“, prophezeit die englische Journalistin Bella Bathurst in „The Bicycle Book“.

Byrne ruft darum dazu auf, die Städte fahrradfreundlicher zu machen - und damit „zu einem menschlicheren Ort zum Leben“. Denn Monster können gar nicht Rad fahren.

Rolf Bläsing: Vollkasko. Aufbau Taschenbuch, 272 Seiten, 8,99 Euro. Wertung: !!!!:

David Byrne: Bicycle Diaries - Ein Fahrrad, neun Metropolen. S. Fischer, 363 Seiten, 19,95 Euro. Wertung: !!!::

Von Matthias Lohr

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