Anthony McCall zeigt sinnliche Strahlen-Skulpturen im Hamburger Bahnhof in Berlin

Fünf Minuten Lichtgestalt

Umfangen vom Licht: Im Hamburger Bahnhof kann man sich noch bis Mitte August buchstäblich in die Kunst von Anthony McCall hineinfallen lassen. Foto:  nh

Berlin. Jeder ist eine Lichtgestalt. Oder ein Schattenwesen. Manchmal ist eine Person beides gleichzeitig, je nachdem, wo sie gerade steht.

Die Ausstellung „Five Minutes of Pure Sculpture“ von Anthony McCall verwandelt nicht nur die Ausstellungsräume des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Der 76-jährige Meister der Lichtkunst verändert auch seine Besucher, die zu wandelnden Projektionsflächen seiner Ideen werden.

Schon seit Anfang der 1970er-Jahre feilt der britische Künstler an seinen „Solid Light Films“, bei denen er bewegte weiße Linien auf schwarzem Grund in dunkle, mit feinem Dunst gefüllte Räume projiziert. So entstehen aus den ursprünglich flachen Zeichnungen dreidimensionale Lichtkegel, die sich langsam bewegen und dabei eine körperliche Präsenz zu entwickeln scheinen.

Deshalb handelt der Besuch in der Berliner Ausstellung nicht nur vom Sehen. „Five Minutes of Pure Sculpture“ ist sinnliche Kunst, die man fühlen kann. Viel länger als nur fünf Minuten.

Evolution im Zeitraffer

Schon der Gang in die verdunkelte Haupthalle des Hamburger Bahnhofs fordert die Sinne. Zuerst machen die grellen Lichter völlig orientierungslos und alles ist buchstäblich schwarz oder weiß, gleißendes Strahlen oder völlige Finsternis.

Erst nach ein paar Minuten lassen sich die Nuancen des Lichts wahrnehmen, die winzigen Wassertröpfchen, die durch die Skulpturen wabern und wie vorbeiziehende Wolken aussehen. Irgendwann ist der Raum auch nicht mehr nur ein schwarzer Kasten, und man erkennt die Details der ehemaligen Bahnhofshalle. Die Evolution des Sehens findet hier sozusagen im Zeitraffer statt.

Besonders macht die McCall-Ausstellung jedoch auch das Verhalten der Besucher. Denn nur stehen und staunen will hier fast niemand. Nach ein paar Eingewöhnungsmomenten beginnen die meisten, mit dem Licht zu spielen und auf den Linien auf dem Teppich zu balancieren. Mit den Fingern kann man die Strahlen lenken, und wer mit dem Körper in einen der Lichtkegel taucht, erwartet instinktiv, dass er einen Widerstand spürt.

Zum ersten Mal benutzt McCall in Berlin auch Geräusche. Zu einer horizontalen Doppelskulptur, die an Autoscheinwerfer erinnert, tönen Verkehrsgeräusche aus der New Yorker Innenstadt. Doch auf einen belebten amerikanischen Highway kann man sich in der Berliner Lichtwelt so gar nicht denken. Heller kann das Scheinwerferlicht dort sowieso nicht sein.

Bis 12. August, Museum für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Berlin (Nähe Hauptbahnhof). Telefon: 030/39783411. www.hamburgerbahnhof.de

Von Saskia Trebing

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