Faszinierend und makaber: Dem „Schädelkult“ widmet sich eine Mannheimer Schau

Fürsorge der Kopfjäger

Verstopfte Ohren: Schädeltrophäe mit Rinderhörnern vom Volk der Naga aus Nordost-Indien (vor 1911). Foto:  Museen für Völkerkunde, München

Mannheim. „Ohne Zweifel sind Kopf und Schädel etwas Besonderes: Hier sieht, riecht, hört, schmeckt und spricht der Mensch, hier sitzt sein Geist, hier denkt und träumt er, hier wohnen seine Erinnerungen und seine Persönlichkeit.“ Das sagt Projektleiter Wilfried Rosendahl über eine Ausstellung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: „Schädelkult“.

Mehr als 300 Exponate von Leihgebern aus Europa und Übersee veranschaulichen im Mannheimer Museum Weltkulturen den Umgang mit Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen.

Der Blick wird bis in die Steinzeit gelenkt. 7000 Jahre alte Schädelschalen aus Herxheim sind Ergebnis eines blutigen Rituals. Schnittspuren auf den Knochen weisen darauf hin, dass man den Opfern die Kopfhaut abzog, bevor durch Schläge die Schädelschale hergerichtet wurde.

Auf den katholischen Reliquienkult verweist ein Schreinreliquiar mit dem auf einem Kissen drapierten Schädel. Den mumifizierten Kopf eines Maori-Häuptlings brachte James Cook von seiner ersten Neuseelandfahrt mit. Eine der größten Kostbarkeiten ist der aus Mexiko stammende Schädel mit Mosaikbesatz aus Türkissteinen (vor 1500).

Spektakuläre Leihgabe aus Israel ist ein Ahnenschädel: der erste Nachweis, dass Menschen bereits vor 9000 Jahren ihrer Verstorbenen gedachten, indem sie ihnen ein Gesicht aus Lehm über den Schädel modellierten. Für dieses Phänomen finden sich viele Beispiele. Die dem Totenschädel nachgesagten übernatürlichen Energien haben ihm unterschiedliche Behandlungsmethoden eingetragen. Von den Fon in Benin wurde ein Schädel mit Schnüren umwickelt und mit zwei Vorhängeschlössern versehen, damit dessen Kräfte nicht entweichen können.

Mit Ritualen und Vorschriften, Diät, Enthaltsamkeit und Festen, versuchten Kopfjäger in Afrika, Nord-Indien und Südamerika, sich die Kräfte ihrer Opfer dienstbar zu machen. Deren Energien durften sich aber nicht gegen den Täter wenden. So ist eine Schädeltrophäe der in Nordost-Indien beheimateten Naga im Bereich der Ohren mit zwei Rinderhörnern ausgestattet, damit das Opfer die Rufe seiner Angehörigen nicht mehr hören konnte. Die im Amazonasgebiet lebenden Munduruku zeigten sich fürsorglich: Die Kopfjäger nahmen die Familien der Opfer bei sich auf.

In der Schau, die die Vergänglichkeit des Lebens bewusst macht, fällt ein nicht mal daumengroßer silberner Schädel aus der römischen Antike auf. Solche künstlichen Schädelchen wurden bei Gastmählern mit der Aufforderung „Trinke und lebe viele Jahre“ herumgereicht.

Bis 29. April in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Museum Weltkulturen Di - So 11 - 18 Uhr. Tel. 0621/2933150, www.schaedelkult.de. Katalog (Verlag Schnell & Steiner) in der Ausstellung 19,90 Euro, im Buchhandel 29,90 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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