Künstler und Musiker: Der aus dem Irak stammende Kurde Hiwa K ist erster Teilnehmer der documenta 14

Die Füße sind immer unterwegs

Hiwa K als Musiker: Beim Symposium zu 60 Jahren documenta trat er mit d14-Leiter Adam Szymczyk und Sängerin Carmen Amor auf.

Kassel. Wenn jemand Hiwa K fragt, wo er zu Hause ist, sagt er gern: „Auf meinen Füßen.“ Hakt der andere nach, aber seine Füße seien doch irgendwo zu Hause, erwidert er: „Sie haben keinen festen Stand.“

Der 39-Jährige, den die documenta als ersten Künstler der Ausstellung 2017 vorstellt, teilt das Schicksal der Zehntausenden, die zurzeit in Deutschland Zuflucht suchen: Der Kurde hat sich, um Saddam Husseins Truppen zu entgehen, als junger Mann irgendwann in Sulaymaniyah im Nordirak auf den langen Weg nach Europa gemacht. Inzwischen lebt er in Berlin und nimmt an den bedeutendsten Ausstellungen wie der Venedig-Biennale und der Manifesta teil. Seine Werke sind in der Serpentine Gallery London oder im New Museum in New York zu sehen.

Hiwa K ist glücklich, dass auch Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d14, ihn eingeladen hat. Dass sich die documenta des brennenden Themas Flucht annimmt, dass er seinen Beitrag dazu leisten kann. Beim Symposium zum 60. documenta-Jubiläum brachte der Pole ihn mit aufs Podium, präsentierte zwei seiner wuchtigen Filme, außerdem begleitete Hiwa K, der bei Flamenco-Legende Paco Peña ausgebildet wurde, Sängerin Carmen Amor auf der Gitarre.

Wie alle Kuratoren lege Szymczyk den Finger in die Wunde, sagt Hiwa K – so sehr, dass es wehtut. Er habe ihm vorgeschlagen, seine Flucht nachzuvollziehen, seine Schritte im Wortsinne zurückzuverfolgen. Er tat das, indem er im Gehen – gefilmt von einer Kamera – einen Stab mit Spiegeln auf der Nase balancierte. Es geht unter anderem darum, dass man sich immer nur ein bruchstückhaftes Bild der Welt machen kann, wie gefährlich Vorurteile sind. „Das war sehr persönlich, sehr emotional“, sagt er über die Reise in die Vergangenheit.

Details seiner Flucht will Hiwa K nicht preisgeben, es gebe ein paar Geheimnisse, die er nicht offenlegen könne, sagt er. Dass das Bild eines einzigen ertrunkenen Jungen für so viel mediale Aufmerksamkeit sorgt, erstaunt ihn: „„Ich habe ähnliche Dinge gesehen.“ Die meisten Menschen in Syrien oder im Irak hätten nicht das Geld, „um überhaupt ertrinken zu können“. Seine Heimat gelte zurzeit als sicher, „aber sie ist absolut nicht sicher“.

In Griechenland habe ihn Europa „umarmt“, dort bekam er Schuhe, eine Hose geschenkt. So war das Eis mit Szymczyk schnell gebrochen, als der ihm ausgerechnet griechische Zigaretten anbot. Die Atmosphäre in Athen habe sich gewandelt, hat Hiwa K beim jüngsten Besuch beobachtet. Die extreme Rechte sei gestärkt, Flüchtlinge würden für die Fehler der Neoliberalen verantwortlich gemacht. Was seine kurdische Heimat betrifft, ist er Pessimist. In den reichen Ländern wachse das Bewusstsein, dass es mit der ungerechten Verteilung des Wohlstands nicht weitergehen könne wie bisher. Hierher müsse die Wende kommen, nicht zuletzt weil der Westen nach billigen Rohstoffen strebe und Waffen und seine eigenen Konflikte exportiere.

Der 39-Jährige spricht nüchtern über seine Flucht, aber wenn er vom Glück erzählt, dass es Skype gibt, spürt man, was hinter ihm liegt. Seine Mutter vermisse er geradezu körperlich. Als er während des Studiums in Mainz kochte („ich habe die ganze Akademie verpflegt“), gab sie über den Rechner Anweisungen. Bevor er den Irak verließ, hatte sie ihm einen Rat mitgegeben: „Wenn der Tod kommt, sei nicht panisch. Es ist bloß der Tod.“

Von Mark-Christian von Busse

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