Fulminante Ausstellung von Ann Schomburg

Gedruckt oder gemalt? Man weiß bei Ann Schomburg – hier vor dem Bild „Reading Hater Comments 1 Clickbitch“ in Mischtechnik auf Leinwand – nie so genau, woran man ist. In der Galerie Coucou zeigt die 31-Jährige eine multimediale Installation. Fotos: von Busse

Kassel. Mit den Waffen einer Frau: Kasseler Kunstpreisträgerin Ann Schomburg zeigt in der Galerie Coucou in Kassel eine eindrucksvolle Installation.

„Bruchgefahr“ steht auf dem Klebeband, mit dem Ann Schomburgs Kleid bei der Vernissage in der Galerie Coucou zusammengehalten wird: „Handle with care“ und „Vor Nässe schützen“. Ekachai Eksaroj, der Künstler und Designer, der die „Lage Kassel“ betreibt, hat es für die 31-Jährige aus durchsichtiger Bläschenfolie entworfen. Das passt zu der Ambivalenz, die in der Ausstellung „Heartbreak Hotel - Life Imitates Art“ spürbar wird: zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, Provokation und Spaß, Leichtigkeit, Exhibitionismus und Tiefe.

„Ich bin mir bei Ann nie sicher, wo der Witz aufhört, wann es ernst wird“, sagt Galerist Milen Krastev. Schomburgs Arbeiten bewegten sich nah an der Kitschgrenze, aber verhandelten existenzielle Themen: Sex, das Verhältnis der Geschlechter, die Rollen der Frau, der Künstlerin. Die liberale, tolerante Haltung der Post-68er-Gesellschaft sieht Schomburg in Gefahr: „Es geht rückwärts, wenn man Glück hat, kann man Erreichtes verteidigen.“

Lasziv ist nicht nur das Kleid, sondern die gesamte Installation. Ein rundes Bett (das natürlich an Tracy Emins berühmtes zerwühltes Bett erinnert) mit Decke in Tigermuster und Kuscheltieren, Zeichnungen mit unzähligen Brüsten und gespreizten Beinen, sich spiegelnde Bilder, Kerzenständer, High Heels, rote Unterwäsche, Schminkutensilien, Fell, das Foto einer Waffe und eines Flacons - die gebürtige Northei-merin, die ihr Studium in Kassel als Meisterschülerin bei Urs Lüthi abgeschlossen hat, spielt mit Klischees sowie mit Erwartung und Enttäuschung.

Schomburg tummelt sich gern bei Youtube, arbeitet mit dem, was junge Mädchen dort preisgeben. Sie ist fasziniert und erschrocken, dass Heranwachsende das Intimste äußern, als sei auf dieser Bühne alles nur Fake: „Aber sobald Emotionen ins Spiel kommen, schlimmstenfalls Liebe, machen alle die Grätsche. Da haut es alle aus den Socken, davor kann man sich nicht retten.“

Ihr selbst gehe es ziemlich gut, erzählt die 31-Jährige, die den Preis des Unternehmensparks Kassel (UPK) ebenso erhalten hat wie den Kunstpreis der Dr.-Wolfgang-Zippel-Stiftung. Seit 2013 lebt Schomburg in Berlin, mit kleiner Dependance in Frankfurt. Es gehe „langsam, aber beständig aufwärts“, Preise, Stipendien und Residencies helfen, auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen.

„Ich liebe Kassel“, sagt Schomburg, sie habe hier „total tolle Freunde“ und ein gutes Netzwerk. Sie verdanke der Stadt auch die Lektion, dass für junge Künstler „die Komfortzone klein ist“. Aber Sammler lebten eben doch in den Metropolen, und sie reisten eher nach Berlin als nach Kassel, dort müssten junge Künstler präsent sein. Umso beachtlicher, dass Schomburg mit dieser fulminanten Ausstellung zurückgekehrt ist.

Bis 5.8., Elfbuchenstr. 20, Di-Fr 16-19 Uhr und n. V., Tel. 0170/9699897. coucou-coucou.com

Von Mark-Christian von Busse

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